Daodejing

Der Überlieferung nach lebte Laozi老子im 6. Jahrhundert vor Chr. als ein etwas älterer Zeitgenosse von Konfuzius, mit welchem er der Legende nach auch mehrmals zusammentraf. Die Überlieferung erzählt weiter, dass er nach dem Zusammenbruch der Zhou ins selbst gewählte Exil ging. An der Grenze Chinas bat ihn ein Wachposten darum, seine Lehre niederzuschreiben: das Daodejing. Über das Leben des Laozi besitzen wir keine historischen Kenntnisse. Manche Historiker gehen heute so weit, seine Existenz grundlegend anzuzweifeln. In der daoistischen Religion wird Laozi als eine höchste Gottheit verehrt, manchmal sogar als die Verkörperung des Dao selbst.

Das ihm zugeschriebene Werk, das Daodejing (vor der Han-Zeit wird es nach dem Autor Laozi genannt), ist in Wahrheit mit großer Wahrscheinlichkeit erst 2 bis 3 Jahrhunderte nach seinem Tod entstanden, und zwar als Ergebnis eines langen Prozesses, in dem Texte unterschiedlicher Herkunft gesammelt und niedergeschrieben worden sind, wahrscheinlich von mehr als einer Person. Grabfunde haben in den letzten Jahrzehnten weitere, leicht abweichende Versionen des Daodejing zu Tage gefördert. Das Daodejing in seiner klassischen Version ist in zwei Teile (Daojing und Dejing) und insgesamt 81 Kapitel eingeteilt.

Das daodejing ist ein sehr schwieriger und vielschichtiger Text. Seine Sprache ist oft kryptisch, verschlüsselt und poetisch. Außerdem finden sich offensichtlich widersprüchliche Passagen. Es ist nach der Bibel eines der meistübersetzten Werke der Welt.

Wir nähern uns dem daodejing am besten über eine Analyse der Schlüsselbegriffe.

 

Beginnen wir mit dem Dao, dào 道. Meist wird es in Deutsch mit „Weg“ oder „Ordnung“ übersetzt. Im Daoismus ist mit dem Dao immer das Dao des Himmels gemeint, die Ordnung der Natur. Das Dao ist ewig und kann nicht in Worte gefasst werden.

1

Das Tao, das mitgeteilt werden kann,
ist nicht das ewige Tao.
Der Name, der genannt werden kann,
ist nicht der ewige Name.

Das Unnennbare ist das ewig Wirkliche.
Das Benennen ist der Ursprung
aller Einzeldinge.

Frei von Begierde, erkennst du klar das Geheimnis.
In Begierde verstrickt, siehst du nur die
Erscheinungsformen.

Doch Geheimnis und Erscheinungsformen
entspringen aus derselben Quelle.
Diese Quelle bezeichnet man als Dunkelheit:

das Dunkel inmitten von Dunkelheit,
das Tor zu allem Verstehen.

 

14

Schau – und es ist nicht zu sehen.
Horch – und es ist nicht zu hören.
Greif- und es ist nicht zu fassen.

Oben – ist es nicht hell.
Unten – ist es nicht dunkel.
Saum- und nahtlos, unnennbar,
kehrt es ins Reich des Nichts zurück.
Form, die alle Formen in sich schließt,
Bild ohne Bilder,
subtil, jenseits aller Begriffe.

Nähere dich ihm – und da ist kein Anfang;
Folge ihm und da ist kein Ende.
Du kannst es nicht kennen, aber es sein.
Lebe gelassen dein Leben,
erkenne nur klar, wo du herkommst:
Das ist die Essenz der Weisheit.

 

25

Es gab etwas Formloses und Vollkommenes,
bevor das Universum entstand.
Gelassen ist es und leer.
Einzig und unverständlich.
Grenzenlos und ewig verfügbar.
Es ist die Mutter des Universums.
In Ermangelung eines besseren Namens
nenne ich es das Tao.

Es fließt durch alle Dinge,
innen und außen, und kehrt zurück
zum Ursprung aller Dinge.

Das Tao ist groß.
Das Universum ist groß.
Die Erde ist groß.
Der Mensch ist groß.
Das sind die vier großen Mächte.

Der Mensch folgt der Erde.
Die Erde folgt dem Universum.
Das Universum folgt dem Tao.
Das Tao folgt nur sich selbst.

 

Das Dao wird beschrieben mit dem Wort wu, 无, nichts oder nicht-seiend. Namen setzen Grenzen, das Dao aber ist unbegrenzt. Es ist durch Sprache nicht fassbar. Dass es als „Nichts“ beschrieben wird, bedeutet also nicht Nihilismus, sondern die Einsicht, dass es mit Worten nicht benannt werden kann, da in ihm alle Gegensätze sich treffen. Wie denn das Sprechen an und für sich kein Zeichen für wahre Weisheit ist, da die Worte die Wahrheit immer verfehlen.

4

Das Tao ist wie ein Brunnen:
genutzt, aber nie aufgebraucht.
Es ist wie die ewige Leere:
angefüllt mit unendlichen Möglichkeiten.

Es ist verborgen und doch immer da.
Ich weiß nicht, wer es hervorbrachte.
Es ist älter als Gott.

 

41

[…]

Demgemäß sagt man:
Der Weg ins Licht scheint dunkel zu sein,
der Weg nach vorn scheint zurückzuführen,
der kürzeste Weg scheint lang zu sein,
wahre Kraft scheint schwach zu sein,
wahre Reinheit scheint befleckt zu sein,
wahre Standhaftigkeit scheint wankelmütig zu sein,
wahre Klarheit scheint unklar zu sein,
die größte Kunst scheint ungekünstelt zu sein,
die größte Liebe scheint gleichgültig zu sein,
die größte Weisheit scheint kindisch zu sein.

[…]

 

56

Die Wissenden reden nicht.
Die Redenden wissen nicht.

[…]

 

Das Nichtsein ist der Ursprung des Universums. Dieser Ursprung liegt nicht jenseits oder außerhalb, sondern ist unergründbarer Teil des Universums selbst. In dieser Vorstellung entsteht das Universum dadurch, dass sich aus der Einheit etwas herausdifferenziert. Die Einheit bleibt aber auf einer höheren Ebene erhalten.

40

Rückkehr ist die Bewegung des Tao.
Nachgeben ist der Weg des Tao.
Alle Dinge entstammen dem Sein.
Das Sein entstammt dem Nichtsein.

 

42

Das Tao bringt die Eins hervor.
Die Eins bringt die Zwei hervor.
Die Zwei bringt die Drei hervor.
Die Drei bringt alle Dinge hervor.

Alle Dinge haben im Rücken das Weibliche (Yin)
und vor sich das Männliche (Yang).
Wenn Männliches und Weibliches (Yang und Yin) sich verbinden,
erlangen alle Dinge Einklang.

Gewöhnliche Menschen hassen die Einsamkeit.
Aber die Meister machen sie sich zunutze:
Sie verinnerlichen ihr Alleinsein und erkennen,
dass sie eins sind mit dem ganzen Weltall.

 

Das Dao wird mit de 德, der Tugend, Kraft, Potenz oder Effizienz in Verbindung gebracht. Tugend sollte hier in seiner lateinischen Herkunft als virtus, also Kraft und Fähigkeit verstanden werden. Himmel und Erde, also die Natur, folgen dem dao und erhalten dadurch ihr de.

51

Jedes Wesen im Universum
ist ein Ausdruck des Tao.
Es entsteht plötzlich,
unbewusst, makellos, frei,
nimmt physische Gestalt an,
lässt sich von den Umständen ergänzen.
Ebendarum ehrt jedes Wesen
ganz naturgemäß das Tao.

Das Tao bringt alle Wesen hervor,
nährt sie, erhält sie,
sorgt für sie, erquickt sie, beschützt sie,
nimmt sie wieder zu sich.
Es erschafft, ohne zu besitzen,
handelt, ohne zu erwarten,
lenkt, ohne sich einzumischen.
Ebendarum liegt die Liebe zum Tao
im Wesen der Dinge.

 

Auch die Menschen haben Anteil am dao. Wenn sich die Menschen in ihrem Handeln an das dao halten, besitzen sie eine ursprüngliche, natürliche Kraft. Laozi spricht von ziran, der Natürlichkeit, der Spontaneität, als der Art und Weise wie alle Wesen im Einklang mit dem Weg der Natur agieren können. Ziran bedeutet, dass man alle Dinge so sein lässt, wie sie von ihrer Natur her sind. Die Natur beinhaltet für die Daoisten auch das soziale Leben der Menschen, wie zum Beispiel die Familie, ebenso wie spirituelle oder religiöse Aspekte.

54

[…]

Lass das Tao in deinem Leben walten,
und du wirst wahre Kraft haben.
Lass das Tao in deiner Familie walten,
und deine Familie wird blühen.
Lass es in deinem Land walten,
und dein Land wird ein Vorbild werden
für alle Länder der Welt.
Lass es im Universum walten,
und das Universum wird in Harmonie sein.

[…]

 

Das Konzept des wuwei, des Nicht-Handelns, beschreibt diese Natürlichkeit im Handeln. Gemeint damit ist nicht eigentlich Nichts-Tun, sondern ein nicht eingreifendes, nicht zwingendes, unangestrengtes Handeln, das keine selbstsüchtigen Interessen verfolgt. Auf der persönlichen Ebene bedeutet dies, ein bescheidenes und friedliches Leben ohne Eitelkeit zu führen.

2

[…]

Daher handelt der Meister,
ohne irgendetwas zu tun,
und lehrt, ohne irgendetwas zu sagen.
Die Dinge erscheinen, und er lässt sie kommen;
die Dinge verschwinden, und er lässt sie gehen.
Er hat, besitzt aber nicht,
handelt, erwartet aber nicht.
Wenn sein Werk getan ist, vergisst er es.
Ebendarum währt es ewig.

 

37

Das Tao tut nie etwas,
doch durch es wird alles getan.

Könnten große Männer und Frauen
ihre Mitte in ihm finden,
würde die ganze Welt, ihren natürlichen Rhythmen gemäß,
von selbst umgewandelt werden.
Die Menschen wären zufrieden
mit ihrem schlichten, alltäglichen Leben,
in Eintracht und frei von Begierde.

Wenn es keine Begierde gibt,
existiert alles und jedes in Frieden.

 

Ein kraftvolles Symbol für das Prinzip des wuwei ist das Wasser mit seiner nachgiebigen und tiefen Kraft. Wer sich „tief“ hält, wie das Wasser, dem fließt die Kraft und Fruchtbarkeit von ganz alleine zu.

8

Das höchste Gut ist wie das Wasser, das alle Dinge nährt,
ohne sich darum zu bemühen.
Es gibt sich mit den niedrigen Plätzen zufrieden, die man
gemeinhin gering schätzt.
Somit gleicht es dem Tao.

Beim Wohnen: Wohne dicht am Boden.
Beim Denken: Halte dich ans Einfache.
Im Streit: Sei fair und großzügig.
Beim Lenken und Führen: Versuch nicht, Kontrolle aus­zuüben.
In der Arbeit: Tu, was dir Freude bereitet.
Im Familienleben: Steh voll und ganz zur Verfügung.

Wenn du zufrieden einfach nur du selbst sein kannst
und dich mit anderen weder vergleichst noch misst,
wird jeder dich achten.

 

78

Nichts auf der Welt
ist so weich und nachgiebig wie Wasser.
Doch zum Auflösen des Harten und Unbeweglichen
ist nichts besser geeignet.

Das Weiche überwindet das Harte;
das Sanfte überwindet das Starre,
Jeder weiß, dass dies zutrifft,
aber nur wenige können danach handeln.

[…]

 

66

Alle Ströme fließen zum Meer,
weil es tiefer liegt als sie.
Die Niedrigkeit verleiht ihm seine Macht.

[…]

 

40

Rückkehr ist die Bewegung des Tao.
Nachgeben ist der Weg des Tao.

[…]

 

In der Politik verabscheut Laozi den Einsatz von aggressiven Mitteln, denn der Einsatz von Gewalt verstößt gegen das Gebot des wuwei.

31

Waffen sind die Werkzeuge der Gewalt;
alle Anständigen verabscheuen sie.

Waffen sind die Werkzeuge der Angst;
ein Anständiger wird sie meiden
es sei denn, er befindet sich in der höchsten Not,
und wird sie, wenn er dazu gezwungen ist,
so zurückhaltend gebrauchen wie nur irgend möglich.
Frieden ist sein höchster Wert.
Liegt der Frieden in Trümmern –
wie kann der Betreffende zufrieden sein?
Seine Feinde sind keine Dämonen,
sondern Menschen wie er selbst.
Er wünscht ihnen keinen persönlichen Schaden.
Auch freut er sich nicht über den Sieg.
Wie könnte er sich über den Sieg freuen
Und am Morden von Menschen Vergnügen finden?

In eine Schlacht zieht er ernst –
voll Trauer und mit großem Mitgefühl,
als nähme er an einem Begräbnis teil.

 

Wenn der Herrscher seine Begierde im Zaum hält und dem dao folgt, werden das Reich und seine Untertanen von ganz alleine in Frieden sein.

57

Willst du ein großer Führer werden,
dann musst du lernen, dem Tao zu folgen
Unterlass jeden Versuch, Kontrolle auszuüben.
Lass festgelegte Pläne und Konzepte los,
und die Welt wird sich selbst regieren.

Je mehr Verbote es gibt,
desto weniger tugendhaft werden die Leute sein.
Je mehr Waffen es gibt,
desto weniger sicher werden die Leute sein.
desto weniger selbstbewusst werden die Leute sein.

Daher sagt der Meister:
Ich lasse das Recht los,
und die Leute werden redlich.
Ich lasse die Wirtschaft los,
und die Leute werden wohlhabend.
Ich lasse die Religion los,
und die Leute werden heiter und ruhig.
Ich lasse das Verlangen nach dem Allgemeinwohl los,
und das Wohl verbreitet sich so allgemein wie das Gras.

 

Anders als für Kongzi, benötigt der Weise hier keine Selbstkultivierung, braucht sich nicht zu bemühen, denn in seinem natürlichen Zustand ist der Mensch bereits vollkommen und eins mit dem dao. Die konfuzianischen Tugenden sind ein schlechter Ersatz für diese ursprüngliche Integrität. Die Bemühungen, sich selbst und die Gesellschaft zu verbessern, entfernen den Menschen vom Gebot des ziran und von seiner wahren Tugend de.

48

Beim Streben nach Wissen
wird täglich etwas hinzugefügt.
Bei der Einübung ins Tao
wird täglich etwas fallen gelassen.
Immer weniger musst du die Dinge erzwingen,
bis du schließlich beim Nichthandeln anlangst
Wenn nichts getan wird,
bleibt nichts ungetan.

Wahre Meisterschaft kann man erreichen,
wenn man den Dingen ihren Lauf lässt
und sie gar nicht dabei stört.

 

18

Wenn das große Tao in Vergessenheit gerät,
tauchen Rechtschaffenheit und Frömmigkeit auf.
Wenn das natürliche Denken verfällt,
treten Schlauheit und Wissen hervor.
Wenn in der Familie Unfrieden herrscht,
regt sich die Kindespflicht.
Wenn der Staat ins Chaos stürzt,
entsteht die Vaterlandsliebe.

 

38

[…]

Wenn das Tao verloren geht, herrscht die Rechtschaffenheit.
Wenn die Rechtschaffenheit verloren geht, herrscht die
Moral.
Wenn die Moral verloren geht, herrscht das Ritual.
Das Ritual ist die bloße Hülle des wahren Glaubens, der
Beginn des Wirrwarrs.

[…]

 

Das ideale Leben hält sich in einem engen Kreis. Technik, Fortschritt, Eigensinn entfernen den Menschen vom dao.

80

Wird ein Land weise regiert,
dann werden seine Einwohner zufrieden sein.
Sie genießen ihrer Hände Arbeit
und vergeuden die Zeit nicht mit dem Erfinden
arbeitssparende Maschinen.
Das sie ihr Zuhause innig lieben,
interessieren sie sich nicht fürs Reisen.
Es mag wohl ein paar Wagen und Boote geben,
aber die fahren nirgendwohin.
Es mag wohl ein Waffenarsenal geben,
aber niemand macht je Gebrauch davon.
Die Menschen genießen ihr Essen,
haben Freude daran, mit ihren Familien zusammen zu sein,
arbeiten gern an Wochenenden in ihren Gärten,
finden Vergnügen am Umgang mit der Nachbarschaft.
Und obwohl das nächste Land so nah ist,
dass die Leute seine Hähne krähen und seine Hunde bellen hören können,
sterben sie friedlich an Altersschwäche,
ohne je hingegangen zu sein, um es sich anzusehen.

 

Auch der Weise ist “dumm” und “dunkel”.

20

[…]
Andere Menschen sind aufgeregt,
als wären sie bei einer Parade.
Ich allein bleibe von allem unberührt,
ich allein bin ausdruckslos,
wie ein Kleinkind, das noch nicht lächeln kann.

Andere Menschen haben, was sie brauchen;
ich allein besitze nichts
und wandre ziellos umher
wie jemand, der kein Zuhause hat.
Ich bin wie ein Narr, mein Geist ist so leer.

Andere Menschen sind hell leuchtend;
ich allein bin dunkel verborgen.
Andere Menschen sind scharf, gescheit;
ich allein bin stumpf und dumm.
Andere Menschen verfolgen bewusst einen Zweck,
ich allein weiß von nichts.

Ich treibe wie eine Woge auf dem Ozean,
ich wehe so ziellos wie der Wind.

Ich unterscheide mich von normalen Menschen.
Ich trinke aus den Brüsten der großen Mutter.

 

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