Das Übergewicht

Ein Erklärungsversuch nach der TCM

Dieser Artikel ist keine umfassende Abhandlung über das Thema Übergewicht – dazu ist das Thema viel zu komplex – aber es ist ein Versuch, einige der häufigsten Muster in der Entstehung von Übergewicht nach der Logik der Chinesischen Medizin zu erklären. Es geht hier also nicht um Kalorien, sondern um Ungleichgewichte zwischen Yin und Yang.

Alles das, was wir essen und trinken muss von unserem Verdauungssystem in körpereigene Substanzen umgewandelt werden. Dies geschieht vor allem durch die Umwandlungsfunktion des Funktionskreises Milz. Das Endresultat einer erfolgreichen Umwandlung sind entweder „Blut“ und Körperflüssigkeiten (in diesem Fall bleibt die substanzielle Natur der Nahrungsmittel erhalten, die TCM spricht vom Yin) oder aber Qi (in diesem Fall wird aus Substanz Kraft, Wärme, Bewegung, man spricht vom Yang). Zum Yin, das aus der Nahrung stammt, gehört auch das Körperfett als physiologischer und überlebensnotwendiger Bestandteil unseres Köpers. Ein gesundes Körperfett stärkt also das Yin: es macht Frauen und Männer weiblicher, feuchter, ruhiger … und natürlich schwerer.

Problematisch wird es dann, wenn das Gleichgewicht zwischen Yin und Yang durch ein Übermaß an Yin aus dem Lot kommt. In der TCM spricht man dann nicht mehr von physiologischem Yin (also Blut und Körpersäften), sondern von Feuchtigkeit und Schleim (tan). Die Grenze zwischen gesundem und übermäßigem Fett wird in der TCM nicht an Zentimetern oder Kilos festgemacht, sondern daran, ob das innere Gleichgewicht im Organismus stimmt oder nicht, ob also ausreichend oder zu viel Yin oder Yang vorhanden sind, ob das vorhandene Yin das Yang ergänzt und ausgleicht oder aber blockiert und schwächt. Prinzipiell ist Übergewicht also zunächst einmal eine Frage des Gleichgewichts zwischen Yin und Yang: je stärker das Yang, desto weniger Yin sammelt sich an, je mehr Yin sich ansammelt, desto eher wird das Yang dadurch geschwächt. Und: Übergewicht ist nicht eine Frage der Kilos, sondern der Gesundheit. Auch ein Mensch mit einem Body-Mass-Index über 25 kann nach der TCM durchaus als gesund und „normal“ betrachtet werden, solange es seinem Yin und seinem Yang gut geht.

Um es uns bei den folgenden Überlegungen leichter zu machen, verwenden wir wie so oft ein Bild. Der Organismus ist in diesem Bild eine Wassermühle, die über eine offene Holzrinne mit Wasser versorgt wird. Das Wasser gelangt auf das Mühlrad und treibt es an. Das Wasser steht hier für all das, was wir essen und trinken. Jenes Wasser, welches auf das Wasserrad gelangt, wird sozusagen seiner physiologischen Bestimmung zugeführt, es wird in Blut, Körpersäfte und Qi umgewandelt (also zum Teil auch in gesundes Körperfett). Ein Teil des Wassers geht aber auch verloren, tropft von der Rinne, schwappt über und verwandelt die Erde rund um die Mühle in Matsch: unser Bild für das Übergewicht.

Zu viel Wasser in der Rinne

Der erste Fall entspricht einer sehr einfachen Situation: es kommt zu viel Wasser bei der Mühle an, die Rinne kann das Wasser nicht fassen und es geht über. Im übertragenen Sinn haben wir es hier mit einem Menschen zu tun, der schlicht zu viel isst. Die Gründe dafür sind vielfältig: es kann aus Nervosität geschehen oder aus dem Wunsch nach Trost oder Belohnung, es wird aus Gier zu viel gegessen oder einfach aus Gewohnheit. Ganz gleichgültig warum zu viel gegessen wird, ein Zuviel überlastet in jedem Fall die Umwandlungsfähigkeit der Milz. Kann nicht alles umgewandelt werden, so bleibt Feuchtigkeit zurück. Diese kann sich in weichen Stühlen oder Blähungen manifestieren, in einer Verschleimung der Atemwege, in einer Neigung zu Ödemen und eben schlicht und einfach in einer Zunahme des Körperfetts.

Auch Heißhunger kann ein Grund dafür sein, dass jemand zu viel isst. In diesem Fall sieht man sehr oft einen nach der TCM „heißen“, yangigen, überaktiven und oft leicht übersäuerten Magen, der danach verlangt, schnell und ordentlich gefüllt zu werden, seine Verdauungsarbeit dann rasch erledigt und sehr bald nach einer Mahlzeit wieder zu rumoren beginnt. Einen solchen heißen Magen kann man durch eine vorsichtig kühlende Ernährung beruhigen und damit meist auch den übergroßen Hunger auf ein normales Maß zusammenschrumpfen lassen.

Schlammiges Wasser in der Rinne

Die zweite Situation ist schon etwas komplizierter: das Wasser in der Rinne ist schlammig, sandig, verdreckt; Sand und Schlamm lagern sich in der Rinne ab und lassen das Wasser übergehen. In der Mühle kommt dadurch nur sehr wenig Wasser an, das Rad dreht immer langsamer. Hier ist das Problem beim Essen nicht die Menge, sondern primär die mangelnde Qualität. Schlechtes Essen bedeutet in diesem Fall ganz einfach schwer zu verdauendes Essen und damit wiederum meint die Ernährungslehre der TCM „Befeuchtendes“ (z.B. alles, was zu viel Laktose, Fruktose oder Gluten enthält, wobei die Grenzen hier sehr individuell liegen, ebenso übermäßige Mengen an Fetten, sowie alle klassischen Süßungsmittel), stark Kühlendes (also z.B. gekühlte Speisen und Getränke, sowie manche Obst- oder Gemüsesorten im rohen Zustand) und Ungekochtes (hier können vor allem rohes Getreide, Obst und Gemüse ein Problem sein). All diese Nahrungsmittel und Speisen verlangsamen, erschweren oder belasten den Umwandlungsprozess durch die Milz, verringern die Menge an produziertem Qi und Blut und mehren die Feuchtigkeit, die übrig bleibt. Wenn man bedenkt, dass die bei uns gängige Ernährung sich in vielen Fällen zu einem Großteil aus solchen stark befeuchtenden und kühlenden Speisen zusammensetzt, dann ist es kein Wunder, dass es immer mehr Kinder und Erwachsene mit Übergewicht gibt.

Und es kommt meist noch schlimmer: die mittelfristige Folge einer solchen Ernährung ist ein relativer Nährstoffmangel, weil ja durch die langsamere und unvollständige Umwandlung nicht alle Nährstoffe ihr Ziel (das Schaufelrad der Wassermühle) erreichen. Die Person zeigt also nach einiger Zeit Anzeichen für einen Qi- und/oder Blut-Mangel, ist häufig müde, schlapp und träge oder auch nervös und versucht durch vermehrtes Essen den Mangel auszugleichen. Leider greift man bei Qi-Mangel sehr gerne zu Süß- und Mehlspeisen und bei Blut-Mangel vermehrt zu sahnigen, cremigen und fetten Speisen, was die Umwandlung wiederum verschlechtert und den Teufelskreis schließt. Hält diese Art der Ernährung zu lange an, so kann es zu einer nachhaltigen Schwächung des Milz-Qis und damit des Umwandlungsprozesses kommen: der Sand dringt ein und blockiert immer mehr auch das Schaufelrad.

Das Schaufelrad klemmt

Das Rad dreht sich nicht richtig, es klemmt; die Schaufeln laufen voll Wasser und gehen über. Hier haben wir es also mit einer Person zu tun, deren Umwandlungsfunktion gestört ist, dem so häufigen Muster der Milz-Qi-Schwäche. Eine solche Schwäche kann sehr oft vererbt sein (so wird in Familien, die über mehrere Generationen hinweg übergewichtig sind, häufig nicht nur ein falsches Essverhalten sondern auch ein schwaches Milz-Qi weitergegeben), sie kann durch eine über längere Zeit gehende, die Milz schwächende Ernährung verursacht werden, oder aber die Schwäche der Milz beruht auf anhaltendem Stress und nervöser Anspannung, die die Verdauung beeinträchtigen (die TCM nennt dies „das Holz greift die Erde an“). Ist das Milz-Qi erst einmal geschwächt, so kann die betroffene Person in Ernährung und Lebensführung auch alles richtig machen, sie wird dennoch bei der kleinsten Entgleisung sofort an Gewicht zunehmen. Der Organismus ist in diesem Fall sozusagen nicht mehr dazu imstande, Qi und Blut zu produzieren, ohne dass gleichzeitig Feuchtigkeit anfällt.  Diese Tendenz zum Übergewicht aufgrund einer Milzschwäche wird zudem sehr wahrscheinlich im Alter noch zunehmen, da dann die Kraft der Milz unweigerlich abnimmt.

In diesem Fall nun ist die richtige Ernährung besonders wichtig, da davon abhängt, ob die Funktion der Milz sich weiter verschlechtert, konstant bleiben oder sich sogar langsam verbessern kann. Im Grunde sind alle Problematiken, die wir in diesem Artikel besprechen, für eine geschwächte Milz besonders belastend: übermäßig befeuchtende, kühlende oder rohe Speisen, übermäßige Nahrungsmengen und auch hypokalorische Hunger-Diäten werden die Situation noch weiter verschlechtern. Eine Stärkung des Milz-Qi funktioniert also zu einem Teil schon allein durch das Vermeiden dieser Faktoren. Die TCM kennt darüber hinaus sehr wirksame Methoden um das Milz-Qi zu stärken: bestimmte Nahrungsmittel, Kochmethoden und eine Reihe hervorragender Heilkräuter.

Das Schaufelrad ist zu klein

Gelangt auf Dauer zu wenig Wasser auf die Schaufeln des Mühlrades und dreht es sich deshalb immer langsamer, so wechselt der kluge Müller es gegen ein kleineres, leichteres Rad ein. Fließt das Wasser nach einiger Zeit wieder normal, so kann das Rad nicht alles fassen und das meiste Wasser geht daneben. Genauso reguliert unser Organismus seinen Stoffwechsel nach unten, wenn wir über längere Zeit weniger essen (oder weniger umwandeln), als wir eigentlich brauchen könnten. Nach der TCM entspricht eine solche Anpassung einer Schwächung von Qi und Yang, d.h. der Organismus verschiebt sein inneres Gleichgewicht in Richtung Yin. Diese Verschiebung in Richtung Yin passiert auf physiologische Weise nachts und im Winter, ein starkes Yang holt uns dann morgens und im Frühling aus dem (Winter-)Schlaf. Durch Hunger, Kälte und körperliche Untätigkeit kann die Verschiebung so verstärkt werden, dass das innere Gleichgewicht sich von alleine nicht wieder erholt. Konkret bedeutet das, dass der Körper kühler wird, weniger aktiv und langsamer. Die Durchblutung der Oberfläche nimmt ab, Yang-Prozesse wie die Verdauung, das Denken und Planen, die Libido oder die Immunabwehr werden gedrosselt, die Bereitschaft zu körperlicher Aktivität nimmt ab. Gleichzeitig nehmen Yin-Prozesse wie schlafen und rasten zu. Leider schaltet ein Organismus, in dem das Yin vorherrscht, vom Verbrennen der Kalorien um zum Speichern, weshalb ein stärkeres Yin und ein schwächeres Yang automatisch (oder mit wenigen Ausnahmen) eine größere Tendenz zu Übergewicht bedeuten. Manche Menschen werden unglücklicherweise mit einem sehr schwachen Yang geboren, andere aber hungern so lange und halten unsinnige Diäten, bis ihr Stoffwechsel erst auf Sparflamme schaltet und dann in eine Art von Winterschlaf fällt.

Um einem schwachen oder geschwächten Yang auf die Sprünge zu helfen ist es unbedingt nötig, satt zu werden. Jeder Versuch, durch eine hypokalorische Diät Gewicht loszuwerden, schwächt das Yang noch mehr und führt in einen Teufelskreis aus Kälte, Müdigkeit und noch mehr Übergewicht. Wichtig für die Stärkung von Qi und Yang sind komplexe Kohlenhydrate und ausreichend Eiweiße. Vor allem ein sättigendes Frühstück wirkt sehr stärkend, im Übrigen kann auch über den Tag hinweg durch eine wärmende und tonisierende Ernährung und durch regelmäßige körperliche Bewegung viel erreicht werden.

Die TCM-Ernährung setzt sich also nicht zum Ziel, Übergewicht direkt zu bekämpfen, schon gar nicht durch hungern. Vielmehr geht es darum, das innere Gleichgewicht zu verbessern. Pathogene Faktoren wie Feuchtigkeit und Schleim werden ausgeleitet oder umgewandelt; die Milz, das Qi und das Yang werden gestärkt. Dadurch erreicht man dann praktisch immer auch eine Gewichtskontrolle, allerdings indirekt auf dem Umweg über mehr Gesundheit.

Die Informationen auf dieser Website dienen ausschließlich der allgemeinen Information und können in keiner Weise die persönliche Beratung durch einen Arzt oder qualifiziertes medizinisches Fachpersonal ersetzen.

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10 Responses

  1. Katharina sagt:

    Liebe Karin,
    eine sehr schöne Zusammenfassung, danke! Das Bild mit dem Wasserrad finde ich sehr verständlich und ich kannte es noch nicht.
    Liebe Grüße aus Wien,
    Katharina

  2. Monika Völkl sagt:

    Liebe Karin;
    mir gefällt immer, wie du bildhaft beschreibst ( z.B. auch über den Kaffee). Dadurch kann man sich vieles sehr gut vorstellen und auch merken.
    Liebe Grüsse

    Monika

  3. Huber Tom sagt:

    Super interessante Texte! Kompliment! Ich geniesse die Kastanienzeit! Grüsse aus Luzern

  4. annamaria sagt:

    bellissimo articolo complimenti.
    quali sono gli alimenti che creano umidità a parte i latticini indicati, sono indicati anche alcuni tipi di frutta e verdura, quali?
    Grazie
    Annamaria

  5. Karin sagt:

    Ciao Annamaria, provo una risposta brevissima 😉
    Cosa crea umidità dipende sempre dalla trasformazione, quindi vale:
    – quasi tutti gli alimenti creano umidità quando non sono trasformati bene,
    – quasi tutti gli alimenti creano umidità in quantità che eccedono la capacità di trasformare.
    Oltre a questo alcuni gruppi sono più umidificanti di altri, ma anche qui dipende molto dalla situazione individuale (p.es. fondamentale differenza se ci sono intolleranze a lattosio, fruttosio, glutine…)
    – latticini
    – zuccheri, miele…
    – frumento e cereali della stessa famiglia, soprattutto sotto forma di farine
    – la frutta, quasi tutta, anche se non fortemente, peggio i succhi o la combinazione con zuccheri
    – oli, grassi (un tipo di umidità un po‘ diverso)

    Un caro saluto Karin

  6. annamaria sagt:

    grazie mille Karin per la tua risposta. Sapresti consigliarmi un testo dove posso approfondire l’argomento?
    Grazie
    Annamaria

  7. Karin sagt:

    Ciao Annamaria, scusa la mia risposta con ritardo. Il tema delle letture consigliate non è facile, soprattutto se si parla di libri in italiano. Ho pubblicato (menu, libri, libri consigliati) una pagina con delle letture consigliate e forse trovi qualcosa che ti piace. Ci sono tanti altri libri, ma o non li conosco o non mi stanno così tanto a cuore.
    Un caro saluto Karin

  8. annamaria sagt:

    ciao karin, grazie mille. purtroppo non trovo niente riguardo all’obesità in mtc

  9. Karin sagt:

    Capisco, l’unico libro specifico che conosco è di Angela Drees, Adipositas behandeln mit Chinesischer Medizin, Elsevier, München, 2006. Onestamente però non mi è sembrato molto utile. La persona alla quale l’ho prestato non me lo ha restituito e non mi sono mai mossa per riaverlo 😉 E‘ veramente difficile trovare testi sia specifici che utili in questi ambiti. Io personalmente deduco molto da testi di farmacologia cinese perchè il modo di procedere con le erbe e con gli alimenti è paragonabile.
    Ciao Karin

  10. annamaria sagt:

    ahahahhahaha ok ti ringrazio tanto. sei gentilissima

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