Der bittere Geschmack

Einleitung: Die fünf Geschmäcker

Der bittere Geschmack ist in der TCM der Wandlungsphase Feuer und dem Funktionskreis Herz zugeordnet. Die Zuordnung zum Herzen ist in diesem Fall nicht so eindeutig und klar, wie es bei anderen Geschmäckern der Fall ist. Bittere Nahrungsmittel können durch die Hitze klärende und Feuchtigkeit ausleitende Wirkung auch das Herz und die von ihm kontrollierten Blutbahnen unterstützen und stärken, aber eben nicht viel mehr, als sie dies auch für andere Funktionskreise tun. Allerdings gibt es einige wenige bittere Nahrungsmittel, deren Bezug zum Herzen dafür umso eindeutiger ist, allen voran Kakao, Kaffee und Tee.

Sehen wir uns zunächst die Wirkrichtung von bitteren Nahrungsmitteln und Heilkräutern an. Diese richtet sich ganz eindeutig nach unten. Das heißt, eigentlich müsste man sagen: nach unten und dann raus, denn der bittere Geschmack leitet über den Urin und den Stuhl aus dem Körper aus. Im Prinzip funktioniert bitter deshalb bei allen Funktionskreisen, deren zugeordnete Organe nach unten hin offen sind, also bei Leber und Gallenblase, Magen, Dünn- und Dickdarm sowie Niere und Blase. Was den Urin und die Steigerung der Diurese betrifft, können wir die Wirkung von bitteren Nahrungsmitteln im Weitesten mit der von faden, ebenfalls harntreibenden Nahrungsmitteln vergleichen. Was das Ausleiten über den Stuhl betrifft, ist der bittere Geschmack aber eindeutig der King. Wenn es also um die Funktionskreise Leber und Gallenblase geht, aus denen naturgemäß nur über den Stuhl ausgeleitet werden kann, so sind wir notgedrungen auf den bitteren Geschmack angewiesen.

Was nun konkret ausgeleitet wird, das hängt sehr stark von der thermischen Wirkung der bitteren Nahrungsmittel ab. In der Kombination mit einer kalten oder kühlenden Natur kann der bittere Geschmack Hitze sowie Feuchte-Hitze ausleiten. Beispiel dafür sind Gemüse wie Gurke, Löwenzahn, Endivie, Kresse, Artischocke, Mangold  oder Kopfsalat, ebenso wie der Grüntee. Die viel selteneren neutral-bitteren Nahrungsmittel, wie zum Beispiel der Kakao, leiten vor allem Feuchtigkeit aus. Auch wenn die thermische Wirkung in Richtung warm oder heiß geht, wie dies beim Kaffee und bei vielen aromatischen Kräutern mit einem bitteren Beigeschmack der Fall ist (von Oregano über Lorbeer und Kurkuma bis zu Thymian und Rosmarin), so geht es ebenfalls der Feuchtigkeit an den Kragen.

Allerdings besteht bei allen bitteren Nahrungsmitteln die Gefahr, zusammen mit pathogener Feuchtigkeit auch wertvolle, körpereigene Substanzen auszuleiten. So ist bei allen Formen von Trockenheit, von Blut- oder Yin-Mangel klar davon abzuraten, regelmäßig bittere Nahrungsmittel zu konsumieren. Auch und gerade bittere Getränke wie Tee oder Kaffee tragen aus der Sicht der TCM dazu bei, den Substanzverlust zu verstärken. Zwar wird zum Beispiel dem Grüntee die Fähigkeit zugeschrieben, Körpersäfte zu vermehren, allerdings denke ich persönlich, dass dies mehr auf dessen Hitze ausleitende Wirkung zurückzuführen ist, wodurch die Säfte geschützt werden. Man kann einem einigermaßen starken Grüntee wirklich nicht nachsagen, dass er Durst stillt. Ganz im Gegenteil führt die ausleitende Wirkung zu einem trockenen Mund und eher mehr Durst als weniger. Will man dagegen etwas tun, so sollte man den Schwarztee mit Milch oder Zucker, den Grüntee zum Beispiel mit einem Schuss Zitronensaft trinken.

Was die Verdauung betrifft, hat die nach unten leitende Wirkung des bitteren Geschmacks eine unterschiedliche Wirkung auf die beiden Funktionskreise Magen und Milz. Wie wir wissen, lenkt der Magen sein Qi nach unten, während die Milz das ihre nach oben richtet. Was den Magen betrifft, wirkt der bittere Geschmack deshalb unterstützend und kann bei einem „schwachen“ Magen, bei Nahrungsstagnation oder nach oben rebellierendem Magen-Qi (Aufstoßen, Übelkeit oder Brechreiz) eingesetzt werden. Die vielen bitteren Verdauungshilfen, von Kräuterschnaps bis Kaffee, unterstützen also diese eine, nach unten gerichtete Dynamik in der Verdauung, zu der aus energetischer Sicht außerdem die Ausschüttung von Galle durch die Gallenblase und die Entleerung des Dickdarms gehören. All diese nach unten gerichteten Prozesse werden durch den bitteren Geschmack verstärkt. Ganz anders hingegen verhält es sich in Bezug auf den Funktionskreis Milz. Hier zeigt sich eine Schwäche in einer zu starken Abwärtsbewegung, sprich in weichen Stühlen oder Durchfall und – bei einem absinkenden Milz-Qi – einem nach unten ziehenden Gefühl im Unterbauch oder gar dem Vorfall von Organen. In all diesen Situationen kann der bittere Geschmack die Symptome noch verstärken und sollte deshalb weitgehend vermieden werden. Bitter ist also nicht der richtige Geschmack, um eine schwache Milz zu stärken. Wenn sich vor dem Hintergrund einer Milz-Schwäche Feuchtigkeit ansammelt, sollte sie nicht durch bittere, sondern durch scharf-aromatische oder fade Nahrungsmittel bekämpft werden.

Ganz allgemein können wir sagen, dass der bittere Geschmack bei sehr vielen Fülle-Mustern angesagt, bei den meisten Leere-Mustern aber ungünstig ist. Bei allen, die allgemein eher zu Leere-Mustern tendieren, wie bei Kleinkindern oder sehr alten und schwachen Menschen, können wir ruhig generell von großen Mengen bitterer Nahrungsmittel abraten. Für alle anderen aber wäre es sehr gesund, mehr bittere Nahrungsmittel zu sich zu nehmen. Vorbildlich sind in diesem Sinne die italienischen Regionalküchen, in denen bittere Gemüse (und auch Wildgemüse) nach wie vor sehr stark vertreten sind. Allerdings wurden die Bitterstoffe aus den meisten Gemüsesorten in den letzten Jahrzehnten zu einem guten Teil weggezüchtet, was natürlich dem Geschmack der Mehrheit entspricht. Um genügend Bitterstoffe zu bekommen, sind wir also bisweilen auf die Verwendung von Wild- oder Heilkräutern angewiesen.

Durch das Fehlen von bitteren, vor allem bitter-erfrischenden Nahrungsmitteln entsteht ein Ungleichgewicht mit gesundheitlichen Folgen. Nach der TCM ist der bittere Geschmack am besten dafür geeignet, pathogene Faktoren aus dem Körper auszuleiten. Süß, sauer und salzig, die drei Geschmäcker, die in der modernen Ernährung meist im Überfluss vorhanden sind, neigen eher dazu, dem Körper etwas hinzuzufügen. Wie gesagt ist dies bei Leere-Zuständen durchaus sinnvoll, doch die meisten Zivilisationskrankheiten hängen mit Fülle-Mustern oder wenigstens mit gemischten Leere-Fülle-Zuständen zusammen. Hier ist bitter ein extrem wichtiger Geschmack für ein besseres Gleichgewicht zwischen Input und Output.

You may also like...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.