Der Stangensellerie

Der Frühling kommt, alles sprießt und keimt und treibt und strebt nach außen. Überall ist Bewegung und Leben, nur wir arme Menschlein werden oft so müde und schlapp und deprimiert. Warum ist das so? Warum sieht man den festlichen Frühjahrszug abfahren und schafft es nicht, mit aufzusteigen?

Schuld daran ist der Funktionskreis Leber. Das heißt, genau genommen ist dieser selbst auch nur ein Opfer, und zwar – um es in den Worten der TCM zu sagen – von Stagnation, Blut-Mangel, Hitze und Feuchter Hitze. Und weil es der Leber meist so mies geht, kann sie sich jetzt im Frühling, wenn alles auf ihren Einsatz wartet, einfach nicht dazu aufraffen. Frühjahrsmüdigkeit und Morgenmuffelei haben beide mit der Schwierigkeit der Leber zu tun, den Schuppen nach der winterlichen bzw. nächtlichen Ruhephase wieder in Schwung zu bringen.

Nein, der Funktionskreis Leber hat kein leichtes Dasein in unserer gestressten Welt. Tun wir etwas für ihn, gönnen wir ihm etwas mehr Stangensellerie! Sellerie bietet nach der TCM für jedes Problem der Leber eine Linderung: er beruhigt das Leber-Yang, klärt Leber-Hitze, besänftigt Leber-Wind, bewegt das Leber-Qi und nährt zudem ein wenig das Leber-Blut.

Raus mit der Hitze

Stangensellerie hat nach der Ernährungslehre der TCM eine stark kühlende und Hitze ausleitende Wirkung. Wir können diese Wirkung einsetzen, wenn uns die Sommerhitze zu schaffen macht, aber auch um innere Hitze loszuwerden, ganz besonders, wenn sie die beiden Funktionskreise Leber und Magen betrifft.

Leber-Hitze entsteht meist als Folge einer Stagnation des Leber-Qi. Es gibt zwar nicht so viele Menschen, die unter einer anhaltenden Leber-Hitze leiden (denen sollte man lieber weiträumig ausstellen), dafür aber sind hitzige Episoden bei Menschen, die zu starker Stagnation und Anspannung neigen, sehr häufig. Dazu ein kleines Experiment: verpasse einem Kind, das an viel Bewegung im Freien gewöhnt ist, oder einem jungen, umtriebigen Erwachsenen mit viel Energie einige Tage lang Hausarrest und Langeweile. Dann kannst du förmlich dabei zusehen, wie die Stagnation langsam wächst und sich schließlich in hitzigen Explosionen entlädt. Leber-Hitze zeigt sich meist in einem roten Kopf (bei einer Glatze auch einer roten Kopfhaut), geröteten Augen, außerdem Episoden von Kopfschmerzen, Schwindel oder Tinnitus, welche vor allem mit Stress und Ärger zusammenhängen. Eine erhitzte Leber ärgert sich gerne und kann dabei sehr schnell sehr rabiat werden.

Was den Magen betrifft, hilft der Sellerie dabei, einen zu aktiven (sprich zu schnell nach einer Mahlzeit wieder hungrigen und rumorenden) Magen zu beruhigen. Gibt es einen Überschuss an Yang (sprich: Hitze), so kann der Magen auch zu sauer sein, es kann zu einer Gastritis oder Magengeschwüren kommen. In all diesen Fällen kann der Sellerie gemeinsam mit anderen kühlenden Nahrungsmitteln die Magen-Hitze ausleiten und den Magen beruhigen. Bei Magengeschwüren auf Grund von Hitze kann der Selleriesaft sehr gut mit dem Saft von Weißkohl kombiniert werden, welcher die Heilung um einiges beschleunigt. Um diese Hitze-ausleitende Eigenschaften beizubehalten, muss der Sellerie allerdings roh, als Salat, Saft oder Smoothie, verwendet werden.

Die entzündungshemmende Wirkung, mit der die Hitze-ausleitende Wirkung des Selleries nach westlichen Maßstäben umschrieben werden kann, bietet Abhilfe auch bei Erkrankungen, wie Gicht und Arthritis sowie rheumatischen Beschwerden.  Selbst wenn die Hitze aus der Sicht der TCM auf die Blut-Ebene gelangt ist, also zum Beispiel zu roten, trockenen Hautausschlägen oder einer übermäßig starken Menstruation bzw. einem verkürzten Zyklus führt, kann der Sellerie dabei helfen, die Hitze wieder loszuwerden. In diesem letzten Fall kombiniert man ihn zum Beispiel mit Aubergine, Tomate und Zucchino.

Bluthochdruck

Eine Erkrankung, bei deren Behandlung der Stangensellerie in der TCM eine zentrale Rolle einnimmt, ist der Bluthochdruck. Vereinfachend kann man sagen, dass der Grund für einen Bluthochdruck in den allermeisten Fällen in einem Ungleichgewicht zwischen Yin und Yang liegt: entweder das Yang ist zu stark oder das Yin verhältnismäßig zu schwach. Der Stangensellerie funktioniert immer dann wunderbar, wenn einem Bluthochdruck ein Übermaß an Yang zu Grunde liegt, also vor allem bei relativ jungen, überdurchschnittlich oft männlichen Erwachsenen. Damit der Sellerie das emporschießende Leber-Yang besänftigen kann, braucht es allerdings mehr als nur ab und zu einen kleinen Salat. Die empfohlene tägliche Dosis liegt bei ca. 250 g, also ungefähr 4 Stangen Sellerie. Um nicht von morgens bis abends knabbern zu müssen, empfiehlt sich also die Anschaffung eines Entsafters.

Auch in Fällen von Bluthochdruck auf Grund einer Yin-Mangel-Situation, also vorwiegend bei Frauen nach den Wechseljahren und insgesamt bei älteren Menschen, kann Sellerie gut eingesetzt werden, spielt aber keine so zentrale Rolle. In diesen Fällen ist es angesagt, den Sellerie kurz und schonend zu kochen und mit anderen Nahrungsmitteln zu kombinieren, welche zum Yin-Aufbau beitragen können, so zum Beispiel Avocado, Goujibeeren, Maulbeeren, Rosinen, Sesam oder hochwertigen Pflanzenölen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Sehr gut eignet sich für diese Fälle auch das Rezept für die insalata di polpo im Anhang.

Erfahrungsgemäß kann ein Bluthochdruck gerade im Frühstadium, wenn noch keine bleibenden Gefäßschäden vorliegen, relativ leicht durch eine Lebens- und Ernährungsumstellung abgefangen werden. Die regelmäßige Einnahme von Stangensellerie stellt hier eine hervorragende Ergänzung dar, zeigt sie doch, wie zahlreiche Studien belegen, neben der blutdrucksenkenden Wirkung auch eine positive Auswirkung auf den Cholesterinspiegel. Und zudem – man kann es nicht oft genug wiederholen – hat der Einsatz von Sellerie praktisch keine Nebenwirkungen, ganz im Gegensatz zu den gängigen blutdrucksenkenden Medikamenten. Es ist also allemal einen Versuch wert.

Sellerie als Harntreiber

Sellerie wirkt sehr stark harntreibend und kann deshalb auch gut eingesetzt werden, um Nieren und Blase richtig gut durchzuputzen. Ein stark kühlendes und harntreibendes Smoothie ergibt die Mischung aus Sellerie und Wassermelone, wirklich nur für heiße Tage oder hitzige Typen geeignet, oder eben bei verringerter Harnmenge und relativ konzentriertem Harn. Die diuretische Wirkung macht aus dem Sellerie übrigens auch ein gutes Mittel zur Blutreinigung, was sicherlich zu seiner positiven Wirkung auf Gicht, Rheuma und Arthritis beiträgt.

Achtung!

Sellerie wirkt relativ stark kühlend und sollte daher bei einer Kälte der Mitte (den Funktionskreisen Milz und Magen) nicht im Übermaß und vor allem nicht zu oft roh verwendet werden. Weniger Sellerie also bei weichen oder wässrigen Stühlen, Kältegefühlen v.a. im Bauchbereich und Lust auf warme Getränke. Auch in der Schwangerschaft solle frau es nicht mit dem Verzehr von Stangensellerie übertreiben, um nicht vorzeitige Wehen auszulösen.

Nach westlichen Gesichtspunkten gehört Sellerie zu den Nahrungsmitteln, welche am häufigsten Allergien auslösen, oft gekoppelt mit allergischen Reaktionen auf Birken- oder Beifußpollen, Äpfel, Petersilie oder Karotten. Die allergischen Reaktionen auf Sellerie können vielfältig sein, eine sichere Diagnose ergibt sich aus einem ernsthaften Allergie-Test. Allerdings vertragen viele Menschen, die auf rohen Sellerie allergisch reagieren, gekochten Sellerie ohne Probleme, es lohnt sich also auch diese Möglichkeit auszutesten.

Rezepte

Diuretic smoothie

2 Stangen Sellerie
¼ Wassermelone

In einem starken Mixer pürieren, nach Bedarf etwas Wasser zufügen.

Blut nährendes Smoothie

1 Stange Sellerie
1 Limette
1 Hand voll Petersilie
1 Hand voll Rucola
1 Karotte
Wasser nach Bedarf

In einem starken Mixer pürieren, nach Bedarf etwas Wasser zufügen.

Aromatisches Selleriegemüse

1 ganze Staude Sellerie
1 Knoblauchzehe
½ Zitrone, die Schale feine geschnitten oder gerieben
3 EL gehackte Petersilie
Olivenöl, Salz

Die Selleriestangen in 1 cm breite Stücke schneiden (falls nötig vorher die Fäden abziehen). Den Knoblauch leicht in etwas Öl anschwitzen, die Selleriestangen dazugeben und leicht anbraten. Mit etwas Wasser aufgießen, salzen und zugedeckt köcheln lassen, bis der Sellerie weich ist. Dann die Petersilie und die Zitronenschale dazugeben und noch kurz warten, bis die Aromen sich verbinden. Kann gut mit Couscous serviert werden.

Auch in diesem Rezept kommen mehrere Zutaten zusammen, die einer geplagten Leber auf die Sprünge helfen: der Knoblauch, die Zitronenschale und die Petersilie ergeben zusammen mit dem Sellerie ein entstauendes und gleichzeitig thermisch ausgeglichenes Gericht.

Krake mit Sellerie und Kartoffeln

1 Krake, geputzt, besser frisch, aber falls tiefgekühlt sehr langsam im Kühlschrank auftauen lassen
3 Stangen Sellerie
3-4 festkochende Kartoffel, gekocht und ausgekühlt
Olivenöl, Salz

In einem ausreichend großen Topf leicht gesalzenes Wasser mit 2 Lorbeerblättern, einer kleinen Zwiebel, einer Karotte und einer Stange Sellerie zum Kochen bringen. Die Krake am Kopf halten und 3 mal in das kochende Wasser tauchen, bis die Tentakel sich aufrollen. Dann die ganze Krake in das kochende Wasser geben und es erneut zum Kochen bringen. Zugedeckt auf kleiner Flamme 20 Minuten köcheln lassen, dann die Platte ausschalten und die Krake zugedeckt im Kochwasser auskühlen lassen (mindestens 30 Minuten stehen lassen).
Inzwischen die zwei restlichen Stangen Sellerie in Scheiben schneiden, die gekochten Kartoffel in Stücke schneiden. Die ausgekühlte Krake in mundgerechte Stücke schneiden und alle Zutaten mit Salz, Olivenöl und nach Geschmack etwas Petersilie anrichten.

Huhn mit Sellerie und Kräutern

1 ganzes Huhn in einzelne Teile zerlegt
5-6 Stangen grüner Sellerie
3 Knoblauchzehen
1 Glas Weißwein
1 EL Zitronensaft
1 Hand voll Petersilie, gehackt
1 TL getrocknete Thymianblätter oder die entsprechende Menge frischer Thymian
Butter oder Ghee, Olivenöl
Salz

Etwas Butter oder Ghee und Olivenöl in einem Topf wärmen, die Hühnchenteile darin anbraten, salzen und wenden, wiederum salzen. Dann die Hitze etwas zurückschalten, zudecken und 20 Minuten brutzeln lassen. Den Sellerie in 2 cm Stücke schneiden und zum Huhn geben, nach Geschmack salzen. Das Ganze weitere 30 Minuten köcheln lassen, bis der Sellerie weich ist. Das huhn und den Sellerie aus dem Topf nehmen, den Weißwein aufgießen und etwas einkochen lassen. Zurückschalten, mit Zitronensaft abschmecken und die Kräuter kurz mitkochen lassen. Das Huhn und den Sellerie wieder in den Topf geben, umrühren und noch einige Minuten ziehen lassen.

Foto: wikimedia commons

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