Die Freude in der TCM

Emotionen in der TCM – Teil III

Die dritte Wandlungsphase auf unserem Parkour durch die Emotionen nach der TCM ist nach dem Wasser und dem Holz das Feuer. In der chinesischen Philosophie entspricht das Feuer dem vollen Yang. Im Reigen der Jahreszeiten begegnen wir dem vollen Yang während des Sommers: Pflanzen und Tiere durchleben Monate maximaler Aktivität. Yang bedeutet Wachstum, Entwicklung, Blüte, Fortpflanzung, kurz: die volle Entfaltung der aktiven Kräfte und die Vollendung der Entwicklung nach außen und oben, welche im Frühjahr kraftvoll die Winterstarre durchbrochen hat.

Im Gedankengebäude der Chinesischen Medizin wird die Wandlungsphase Feuer mit dem Funktionskreis Herz und im Bereich der Emotionen mit der Freude korreliert. Wie wir bereits wissen, hat jede der fünf Grundemotionen in der TCM sowohl positive als auch negative Aspekte. Der Begriff der Freude stellt die negativen Aspekte nicht so sehr in den Vordergrund, wie das bei der Angst und der Wut der Fall ist. Dennoch gibt es auch an der Freude negative, also krankhafte und krankmachende Seiten zu entdecken. Doch widmen wir uns in diesem Fall zuerst den schönen, lebenswerten Seiten dieser Emotion.

Die Dynamik der Freude

Wie bei allen Emotionen steht nach der Chinesischen Medizin auch bei der Freude eine bestimmte Dynamik des Qi im Vordergrund, welche die Freude begleitet oder auch auszulösen vermag. Zunächst einmal bewegt die Freude das Qi im oberen Erwärmer, also im Bereich des Brustkorbes. Nicht umsonst daher der enge Zusammenhang mit dem Funktionskreis Herz. Die Dynamik des Qi ist bei der Freude nach außen gerichtet. Je nach Intensität und Dauer dieser Emotion können wir sagen, dass die Freude das Herz öffnet, dem Qi erlaubt sich auszubreiten oder aber – bei zu viel des Guten – das Qi zerstreut. Die Geste, welche die Freude von ihrer Qi-Dynamik her am besten verkörpert, ist das Ausbreiten der Arme, das in einer Umarmung enden kann. Tatsächlich bedeutet Freude empfinden ja auch umarmen: einen Menschen, einen Augenblick oder die ganze Welt. Zu den positiven emotionalen Fähigkeiten des Funktionskreises Herz gehört allerdings noch mehr: mit anderen zu kommunizieren (gemeint ist hier keine rein sprachliche Verständigung, sondern die Verbindung zweier Herzen), sich mitzuteilen und zuzuhören, mit anderen zu fühlen, sich bewegen zu lassen von einem Film oder einer Musik, gemeinsam mit anderen zu lachen (oder auch zu weinen), all das sind die „gesunden“ Aspekte der Freude. Die Fähigkeit zu Begeisterung, Inspiration und Verliebtheit (ganz gleich ob in eine Idee oder einen Menschen) ist das, was ein kräftiges Herz ausmacht. Wen wundert es, dass die Freude mit dem Feuer, der Wärme, dem Sommer zusammenhängt. Wie viel leichter fällt uns diese Öffnung des Herzens in einer lauen Sommernacht an einem südlichen Strand!

Zuviel der Freude?

Aber kann der Freude auch zu viel sein? Und macht zu viel Freude wirklich krank? Wie jede der fünf Grundemotionen kann die Freude dann zu einem krankmachenden Faktor werden, wenn sie zu intensiv ist oder zu lange anhält. Im Fall der Freude ist das Problem meist, dass durch sie schlicht zu viel Qi verbraucht wird, bzw. dass es durch die zerstreuende Wirkung der Freude sehr schwierig wird, das Qi angemessen zu sammeln und zu (kon-)zentrieren. Bei übermäßiger Freude kommt es also zu einem Gefühl des Ausgelaugtseins und zum Bedürfnis sich zu sammeln und die eigene Mitte wiederzufinden.

Um diese Probleme besser zu verstehen, können wir an die Art von Müdigkeit denken, die uns beschleicht, wenn wir längere Zeit in Folge mit Freunden verbringen, rund um die Uhr sprechen, lachen, zuhören, mitfühlen, ohne uns jemals zurückziehen zu können. Es ist eine besondere Art der Müdigkeit, die sich einstellt, wenn wir gezwungen sind, mehr „Freude“ aufzubringen, als spontan aus unserem Herzen strömt. Das wissen ganz besonders Menschen, welche bei ihrer Arbeit einen anhaltenden und möglichst herzlichen, fröhlichen Kontakt zu anderen Menschen haben sollten: irgendwann schwindet die Bereitschaft sich zu öffnen und das Lächeln wird unecht. „Freude“ kostet eben Kraft und nicht jeder besitzt gleich viel davon. Vielleicht wirken deshalb die Clowns nach ihren Auftritten oft regelrecht traurig?

Gestörte Freude

Die Fähigkeit, Freude in einem ausgeglichenen und angemessenen Maß zu empfinden ist eine Funktion des Herzens und kann – wie alle anderen Emotionen nach der TCM – bei Störungen und Ungleichgewichten dieses Funktionskreises beeinträchtigt sein. Die Dynamik dieser Emotion geht nach außen, hat einen Yang-Charakter und verbraucht Qi, weshalb diese Gefühlsregungen Menschen mit einem schwachen Herz-Qi oder Herz-Yang nicht leicht fallen und sie sehr schnell ermüden lassen. Menschen mit einem relativ schwachen Herz-Qi verspüren bereits nach einem einzigen geselligen Abend das starke Bedürfnis, sich zurückzuziehen und einige Zeit alleine zu verbringen oder sich wie auch immer zu sammeln. Solche Menschen sind im Umgang mit anderen eher wortkarg, sparsam in Gestik und Mimik und wirken allgemein „kühl“. Sie haben nicht so viel übrig für Klatsch, Sentimentales, Witze und Abende im großen Freundeskreis. Nach einem gesellschaftlichen Event brauchen sie Zeit, um sich wieder zu erholen.

Ganz anders hingegen Menschen, deren Herz-Yang überschießt, weil es selbst zu stark ist (Herz-Feuer) oder von einer schwachen Yin-Wurzel nicht genügend gebändigt wird (Leere Hitze bei Herz-Yin-Mangel).  Sie sprechen gerne und viel, bisweilen auch ohne selbst ausreichend zuzuhören, lachen und witzeln manchmal zu viel oder im falschen Moment, singen aus lauter Übermut oder sprechen mit sich selbst. Sie werden nicht müde über andere Menschen zu sprechen, immer begleitet von großer emotionaler Anteilnahme. Bei einem Herz-Feuer hat dieses kommunikative Feuerwerk etwas Lautes, Explosives und Unberechenbares, bei einer Schwäche der Yin-Wurzel hingegen wird es begleitet von Unruhe, übermäßiger Empfindsamkeit oder einem Gefühl der Dünnhäutigkeit.

Die Freude der Jugend

Die Lebenspanne, in der die Wandlungsphase Feuer und damit auch die emotionalen Aspekte rund um die Freude besonders stark in den Vordergrund treten, sind die Jahre als Jugendliche und junge Erwachsene. Es ist eine Zeit des Verliebtseins und der Begeisterung, aber auch der schnell wechselnden Lebensentwürfe. Das Feuer lodert schnell und heftig auf und erlischt oft ebenso rasch. Die Liebesbeziehungen überdauern während der Wandlungsphase Feuer das Ende der Verliebtheit selten und versanden, sobald der enthusiastische Blick auf den Partner der Ernüchterung weicht.

Diese Lebensphase kann den Reichtum der Freude mit sich bringen ebenso wie die Gefahren ihrer Entgleisung. Es sind Jahre, in denen die Öffnung anderen Menschen gegenüber besonders leicht fällt, in denen besonders viel und gerne gefeiert und gelacht wird und das Leben einem im Guten wie im Schlechten besonders nahe geht. Doch sind es auch Jahre, in denen der Freude leicht zu viel werden kann, wenn die Ernüchterung immer schwerer fällt und bei lauter Zerstreuung und Ablenkung die eigene Mitte verloren geht. Auch kann in dieser Lebensphase aus gelegentlich aufloderndem Feuer besonders leicht ein Flächenbrand werden und aus freudiger Begeisterung übertriebener Drang oder gar blinder Fanatismus.

Wo in der Kindheit Grenzen und Regeln herhalten sollten, um die überschießende Wut zu bändigen (in den Worten der TCM: das Metall kontrolliert das Holz), da funktioniert als Mittel gegen überschießende Freude bei Jugendlichen nach der chinesischen Philosophie eine Aktivierung der Wandlungsphase Wasser (das Wasser kontrolliert das Feuer). Ohne den Schutz der Älteren zu sein, alleine bestehen zu müssen, bedroht oder auch nur auf der Hut zu sein in einer fremden Umgebung, all diese Situationen stärken den Lebenswillen und verhelfen zu einer Sammlung im Sinne der Wandlungsphase Wasser, welche die zerstreuende Dynamik der Freude zwar hoffentlich nicht ganz auslöscht, aber doch einzugrenzen vermag. Tatsächlich stellen viele Kulturen und Traditionen Heranwachsenden ähnliche Herausforderungen in den Weg: Initiationsriten, Mutproben, Lehr- und Wanderjahre oder eine Ausbildung weit weg von zuhause bedeuten gerade in diesem Lebensabschnitt  eine wertvolle, bisweilen auch notwendige Erfahrung.

Auf diese Weise übersteht ein Jugendlicher auch die feurigsten wilden Jahre und erreicht geläutert den sicheren Hafen der Wandlungsphase Erde, in der er endlich vernünftig werden darf. Aber darüber mehr in unserem nächsten Versuch über die Emotionen nach der TCM.

Fotos: pixelio.de-by_Rolf Handke; Wikimedia Commons sad clown & Disco dance; by_Rainer Sturm_pixelio.de

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2 Responses

  1. Roberto Jobet sagt:

    Ciao Karin,

    Infatti il termine gioia come fattore patogeno può creare confusione, forse la traduzione più corretta sarebbe euforia!

    Roberto

  2. Karin sagt:

    Ciao Roberto, hai ragione, la gioia non dà proprio idea di qualcosa di patologico. Mi piace il termine „gioia“ perchè penso agli aspetti positivi di questa emozione, a quella gioia calma e appunto per niente agitata che hanno le persone con un cuore molto GRANDE. Ma è vero che per coerenza con gli altri movimenti sarebbe più giusto scegliere un termine più „patologico“ anche qui, insomma un termine che stia bene con paura, rabbia, tristezza. Si potrebbe pensare anche a „eccitazione“, ma purtroppo è una parola un po‘ equivoca.

    Un saluto
    Karin

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