Die fünf Geschmäcker

In der Chinesischen Medizin werden den Heilkräutern ebenso wie den Nahrungsmitteln jeweils einer oder mehrere Geschmäcker zugeordnet. Die fünf grundlegenden Geschmäcker sind sauer, bitter, süß, scharf und salzig, sie stimmen also nicht mit den Geschmackszonen auf unserer Zunge überein. Neben diesen fünfen kann man drei weitere Geschmäcker unterscheiden und sie jeweils einem der fünf unterordnen: der fade Geschmack gehört zum süßen, der aromatische Geschmack zum scharfen und der adstringierende Geschmack zum sauren. Es ist durchaus üblich, dass einem Nahrungsmittel mehr als ein Geschmack zugeschrieben wird, in manchen Fällen können es sogar drei oder vier verschiedene Geschmäcker sein, so zum Beispiel bei einem reifen Käse, der gleichzeitig süß, sauer, salzig und scharf ist.

Jeder der fünf Hauptgeschmäcker wird in der TCM einer der Fünf Wandlungsphasen und dadurch indirekt einem Funktionskreis und einem Körperteil zugeordnet.

Geschmack sauer bitter süß scharf salzig
Wandlungsphase Holz Feuer Erde Metall Wasser
Funktionskreis Leber Herz Milz Lunge Niere
Körperteil Sehnen und Bänder Blut und Blutgefäße „Fleisch“, Muskelfülle Körperoberfläche und Haut Knochen

 

Diese Zuordnungen haben auch in der Praxis eine gewisse Bedeutung, so gibt es in den meisten Fällen einen besonders engen Bezug zwischen einem einzelnen Geschmack und dem ihm zugeordneten Funktionskreis. Dieser Bezug kann vor allem als eine Art Wirkrichtung gelten: die positiven wie negativen Wirkungen eines sauren Nahrungsmittels werden sich demnach in vielen Fällen besonders im Funktionskreis Leber und von diesem abhängig in den Sehnen und Bändern bemerkbar machen. Dasselbe gilt auch für die weiteren vier Geschmäcker und die ihnen zugeordneten Funktionskreise und Körperteile. Allerdings gibt es, was diese Theorie betrifft, in der Praxis mindestens ebenso viele Ausnahmen wie Fälle, in denen sie sich tatsächlich bestätigt, weshalb sie – wie eigentlich alle Theorien der TCM – nicht als allgemein gültige Regel missverstanden werden sollte.

Letztendlich gehen die Wirkungen eines Geschmacks weit über seinen Bezug zu einer Wandlungsphase hinaus und erreichen den gesamten Organismus. Um die Geschmäcker in ihrer ganzen Reichweite zu begreifen, kann man sie sich als eine zusammenhängende Gruppe von Wirkungen erklären, die alle Nahrungsmittel, denen sie zugeschrieben werden, mehr oder weniger charakterisieren. Die zu Grunde liegende Beobachtung ist, dass Nahrungsmittel mit einem ähnlichen Geschmack meist auch eine vergleichbare Wirkung  auf den Organismus besitzen. Wir können dies aus biomedizinischer Sicht natürlich auch auf die in diesen Nahrungsmitteln enthaltenen chemischen Verbindungen ausweiten: ähnlich schmeckende Substanzen haben oft vergleichbare Wirkungen. Auf Grund dieser Tatsache hat man in der Chinesischen Medizin die fünf Geschmäcker definiert. Dass es fünf Gruppen geworden sind und nicht drei wie in der Ayurvedischen Medizin, ist mehr oder weniger Zufall, denn es hat auch in der chinesischen Tradition unterschiedliche theoretische Systeme gegeben.

Die Zuteilung eines bestimmten Geschmacks erfolgt in der TCM auf Grund seiner Wirkungen und entspricht nicht immer dem, was wir an Geschmäckern auf der Zunge wahrnehmen. Wenn dem Schweinefleisch zum Beispiel neben dem süßen Geschmack (den es mit allen anderen Fleischsorten gemeinsam hat) auch ein salziger Geschmack zugeschrieben wird, so ist das vor allem darauf zurück zu führen, dass seine Wirkung besonders stark auf den Funktionskreis Niere ausgerichtet ist, eine Eigenschaft, die allen „salzigen“ Nahrungsmitteln eigen ist. Schweinefleisch schmeckt also nicht salziger als andere Fleischsorten auch, es hat nur die Wirkung von salzigen Nahrungsmitteln.

 

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