Durst oder nicht Durst? – Teil 2

drinking-98618_1280Kein Durst!

Im ersten Artikel über den Durst haben wir die Fälle besprochen, in denen Durst auftritt. Hier soll es nun um jene Muster gehen, in denen man typischerweise keinen Durst verspürt und zwar auch dann nicht, wenn eigentlich ein Bedürfnis nach Flüssigkeiten besteht. Denn man sollte unabhängig vom Durst nur dann mehr trinken, wenn es wirklich Flüssigkeit braucht. Der generelle Ratschlag, täglich zwei bis drei Liter zudem meist kalte Flüssigkeit zu trinken, ist nach der TCM durchaus nicht für alle Menschen günstig. Bei einem kühl-feuchten Klima können Menschen mit einem schwachen Yang, die sich sehr wenig bewegen und zudem viel Obst und Gemüse oder andere wasserhaltige Speisen zu sich nehmen, durchaus mit sehr geringen Mengen an zusätzlichen Flüssigkeiten genug haben. Erkennen kann man den Bedarf an Flüssigkeit am besten an einer reduzierten Urinmenge sowie an Farbe und Geruch des Urins. Die Urinmenge sollte pro Tag circa 1,5 bis 2 Liter sein und Farbe und Geruch mit Ausnahme des ersten Urins am Morgen nicht zu stark. Wenn man es sich zur guten Gewohnheit macht, die eigenen Ausscheidungen zu begutachten, bevor man das Wasser zieht, so wird es sehr viel leichter, Veränderungen festzustellen. Ein zweites, allerdings weniger verlässliches Zeichen für einen Mangel an Flüssigkeiten sind Anzeichen für Trockenheit an Stuhl, Haut oder Schleimhäuten.

Besteht ein Bedürfnis nach mehr Flüssigkeiten und ist trotzdem kein Durstgefühl vorhanden, so kann dies nach der TCM an einem inneren Ungleichgewicht liegen. Das sicherlich häufigste Muster in einer solchen Situation ist eine Ansammlung von Feuchtigkeit. Prinzipiell kann sich Feuchtigkeit dann ansammeln, wenn Niere, Milz oder Lunge ihre jeweiligen Aufgaben im Haushalt der Körperflüssigkeiten nicht gut erfüllen. In den meisten Fällen aber wird eine Ansammlung von Feuchtigkeit mit einer Unterfunktion des Funktionskreises Milz zusammenhängen. Zeigen kann sich diese Feuchtigkeit in weichen Stühlen oder Durchfall, Ödemen, einem Schweregefühl von einzelnen Körperteilen oder dem ganzen Körper sowie Vaginalausfluss. Dass in manchen dieser Situationen das Durstgefühl trotz fehlender Flüssigkeiten unterdrückt wird, hat wohl damit zu tun, dass die Regelmechanismen des Körpers die vorhandenen pathologischen Substanzen als physiologische verkennen und es so zu einer Fehlregulation kommt. Der Organismus unterdrückt also das Durstgefühl, weil er annimmt, dass bereits ausreichend Flüssigkeiten vorhanden sind. Die angesammelte Feuchtigkeit kann aber keine physiologischen Funktionen erfüllen und hilft dem durstigen Körper nicht wirklich weiter. In dieser Situation sammelt sich unnütze, störende Feuchtigkeit an und gleichzeitig fehlen die „guten“ Körpersäfte: Sumpf und Wüste in einem. Der Durst fehlt allerdings durchaus nicht bei allen Menschen mit einem Feuchtigkeitsmuster, kann also nicht als verlässliches Anzeichen für dieses Muster gelten.

Besteht kein Durst und gibt es dennoch Anzeichen von Flüssigkeitsmangel, so sollte sich die betroffene Person zum Trinken anhalten, in manchen Fällen sogar zwingen. Dafür braucht es bisweilen sehr viel Disziplin, denn die Betroffenen vergessen das Trinken nicht nur, sie verdrängen es oft regelrecht. Morgens startet man in den Tag mit dem guten Vorsatz ausreichend zu trinken, abends realisiert man, dass man wieder nichts getrunken hat und weiß selbst nicht genau, weshalb. Erfahrungsgemäß wird der Widerwillen gegen das Trinken mit der Zeit allerdings weniger, man kann das Trinken also durchaus ein Stück weit erlernen. Am Anfang aber empfehle ich, zweimal täglich jeweils in einem ausreichenden Abstand zu den Hauptmahlzeiten (also z.B. um 10 und um 16 Uhr) einen Wecker zu stellen und 1-2 Tassen oder Gläser lauwarmer oder warmer Flüssigkeit zu sich zu nehmen, auch wider Willen. Sind die Anzeichen für Feuchtigkeit eindeutig, so ist es am besten, wenn die Flüssigkeit selbst eine Feuchtigkeit ausleitende Wirkung hat. Man trinkt also, wird aber gleichzeitig auch Feuchtigkeit los. Ideal sind zum Beispiel eine Abkochung von Gerste, Azukibohnen oder Hiobstränensamen, harntreibende Tees wie Maishaar, Brennnessel oder Birkenblatt, sowie aromatische Tees mit Kardamom, Kümmel oder Zitrusschalen, um die Milz zu unterstützen. Ungeeignet hingegen sind süße oder süß-säuerliche Getränke wie Milchgetränke, Softdrinks, Fruchtsäfte oder Früchtetees, weil diese wiederum zu viel Feuchtigkeit produzieren (süß) bzw. die entstandene Feuchtigkeit im Körper halten (sauer).

Eine ähnliche Situation wie diese ergibt sich bei einem Yang-Mangel mit innerer Kälte, denn auch hier kann der Körper die vorhandenen Flüssigkeiten nicht ausreichend gut umwandeln und transportieren, was zur Ansammlung von trüben oder stagnierenden Flüssigkeiten führt, sprich zu Feuchtigkeit. Der einzige Unterschied ist hier, dass die betroffenen Personen manchmal warme oder gar heiße Getränke akzeptieren, weil sie sich dadurch wärmen können. Hier wird also nicht getrunken, um den Durst zu stillen, sondern einzig und allein um durch die Wärme des Getränks die innere Kälte und Stagnation zu vertreiben. Oft wird bei einem Yang-Mangel das Getränk der Wahl ein Kaffee sein. Diese Wahl ist allerdings nicht so günstig, weil der Kaffee zwar den mittleren und den oberen Erwärmer wärmt, bewegt und trocknet, auf den unteren Erwärmer aber eine schwächende Wirkung hat. Eine bessere Wahl wären hingegen Kräuter- und Gewürztees, die das Yang von unten her und auf ganzer Front stärken, z.B. mit Ingwer, Fenchel, Kardamom, Sternanis, Thymian und vielen anderen. Aber Achtung auf den Magen, für den sind die Gewürztees oft eine rechte Tortur. Beim ersten Magenzwicken bitte unbedingt eine Pause einlegen oder die Gewürztees wenigstens nicht mehr auf leeren Magen trinken.

Eine noch komplexere Situation ergibt sich, wenn sich zur Ansammlung von Feuchtigkeit auch noch Hitze gesellt, was sehr häufig durch eine entzündliche Reaktion geschieht. Diese Feuchte-Hitze verbraucht und beschädigt die Körpersäfte, ganz ähnlich wie dies auch bei einer „trockenen“ Hitze der Fall ist. Dadurch kann es zu Trockenheit von Stuhl, Haut oder Schleimhäuten kommen und natürlich auch zu Durst. Dieser legitime Durst kann sich nun aber in manchen Fällen nicht gegen die Feuchtigkeit durchsetzen und es ergibt sich ein widersprüchliches Bild: der Mensch hat (bisweilen auch starken) Durst, aber keine rechte Lust zu trinken. In anderen Worten: Mund und Kehle sind trocken und verlangen nach einem Getränk, die Vorstellung etwas zu trinken aber ist der Person trotzdem so unangenehm, dass sie nicht oder nicht ausreichend trinkt. Sofern sie die Situation nicht überdenkt und sich trotz innerer Stimme für das Trinken entscheidet. Bei Feuchte-Hitze sind alle Getränke ideal, die gleichzeitig Hitze klären und Feuchtigkeit ausleiten können. Das können sehr viele Kräuter, zum Beispiel Löwenzahn, Artischocke, Birke, Maishaar, Schafgarbe oder Kresse. Auch Grüntee und in etwas geringerem Maße Schwarztee sind hier gut zu gebrauchen. Außerdem Gemüsesäfte mit Sellerie, Gurke, Löwenzahn, Kresse, Rettich und den meisten grünen Blattsalaten. Das schlimmste, was eine Person mit einem Feuchte-Hitze-Muster trinken kann, sind hingegen alkoholische Getränke, zumal Cocktails oder Liköre, bei denen der Zuckergehalt besonders hoch ausfällt.

Und eine weitere Situation gibt es, in der der Durst stark vermindert oder ganz unterdrückt sein kann. Der Funktionskreis, der mehr als alle anderen die Verantwortung für den Haushalt der Körperflüssigkeiten trägt, ist die Niere. Ist diese insgesamt schwach, so sinkt das Verlangen nach Flüssigkeiten. Der Organismus spürt wohl, dass er mit den ankommenden Getränken nicht recht fertig wird. Vergleichbar nimmt der Appetit ab, wenn die für die Verdauung zuständigen Funktionskreise Milz und Magen schwach sind. Diese Situation ergibt sich vor allem bei älteren Menschen, wenn die Kräfte des Funktionskreises Niere nachlassen. Und es kann zu einem großen Problem werden, wenn die älteren Menschen auf sich selbst gestellt sind und niemand sie zum Trinken anhält. Auch in diesen Fällen ist es nötig, der inneren Stimme mit standhaftem Ungehorsam zu begegnen und trotz verschüttetem Durst dafür zu sorgen, dass genügend Flüssigkeit aufgenommen wird.

 

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