Eine ganzheitliche Medizin

Relation und Dynamik

In China selbst wurde die Ganzheitlichkeit der Chinesischen Medizin eigentlich erst im Vergleich mit der westlichen Biomedizin zum Thema. In diesem Vergleich aber erscheint die Ganzheitlichkeit der TCM als eine ihrer grundlegendsten Eigenschaften. Die TCM ist sozusagen ein durch und durch ganzheitliches Medizinsystem.

Der ganzheitliche Gedanke ergibt sich unmittelbar aus der Chinesischen Philosophie und ihrem Blick auf die Welt. Es geht hier seit jeher darum, die Ordnung in komplexen Systemen zu erkennen, ohne diese dafür analytisch zu zerpflücken. Die innere Ordnung der Natur, die Ordnung der menschlichen Gesellschaft, die Ordnung des menschlichen Organismus: all dies fällt unter den Begriff des „Dao“. Das Dao ist eines, weshalb es nicht unterteilt werden kann. Das Dao ist in Bewegung, weshalb es nicht angehalten werden kann. Das Dao ist größer als der menschliche Verstand, weiter als seine Sprache, weshalb uns bei dem Versuch, es zu erfassen, letztendlich auch die Intuition zu Hilfe kommt. All diese philosophischen Überlegungen gelten auch in der Chinesischen Medizin.

So konzentriert sich die Chinesische Medizin darauf, in dem komplexen System des menschlichen Organismus Zusammenhänge und Regelmäßigkeiten zu erkennen, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Es geht um Gleich- oder Ungleichgewichte, Wechselwirkungen, Dynamiken und Tendenzen in einem sich selbst regulierenden System, in dem alles mit allem zusammenhängt und das sich in ständiger Bewegung befindet. Wechselwirkung und Bewegung, diese beiden sind der eigentliche Kern der Chinesischen Medizin; in anderen Worten: Relation und Dynamik.

Ganzheitlichkeit

Wir können den ganzheitlichen Gedanken in der Chinesischen Medizin auf mehreren unterschiedlichen Ebenen wiederfinden.  Eine erste Einheit verbindet den Menschen als Mikrokosmos mit seiner natürlichen Umwelt, dem Makrokosmos. Der Mensch ist selbstverständlich ein Teil der Natur und unterliegt deren Gesetzmäßigkeiten. Die Rhythmen der Natur, das Klima, das Zusammenleben mit Pflanzen und Tieren haben sich im Laufe von Jahrtausenden in das Wesen des Menschen eingeschrieben, sind Teil seiner eigenen Natur geworden. Alle Gesetzmäßigkeiten des Kosmos spiegeln sich in der Natur des Menschen wider: der Wechsel von Yin und Yang, die Abfolge der Fünf Wandlungsphasen, kurz das Dao des Himmels wirkt in uns ebenso wie es im Makrokosmos wirkt. Unser Organismus wird nicht nur beeinflusst von den Gegebenheiten der äußeren Welt, er hat sie sozusagen verinnerlicht. In der Logik der Chinesischen Medizin gibt es auch im menschlichen Organismus Tag und Nacht, Sommer und Herbst, Kälte, Hitze oder Wind.

Ebenso eingebunden ist der Mensch auch in seine soziale Umwelt. Er ist immer und unweigerlich Sohn, Bruder oder Vater, Tochter, Schwester oder Mutter. Daraus erwachsen Verpflichtungen, Spannungen, Freuden; es wird gearbeitet, gefeiert oder getrauert. Auch hier ergeben sich über Emotionen und Lebensgewohnheiten unvermeidbare Einflüsse auf das innere Gleichgewicht. Will man Gesundheit und Krankheit begreifen, so kann man aus der Sicht der Chinesischen Medizin diese Zusammenhänge nicht außer Acht lassen, denn sie sind das Fundament für beides.

Eine weitere untrennbare Einheit stellt der Mensch selbst in seiner Ganzheit dar. Dies ist eine Erkenntnis, die eigentlich nicht angezweifelt werden kann und der doch von der Biomedizin nicht genügend Rechnung getragen wird. Der Mensch ist für die TCM eine Einheit, in der Körper, Körperfunktionen, Emotionen, geistige Fähigkeiten und die spirituelle Ebene untrennbar miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Bereichen bilden ein komplexes System und gehen weit über die wenigen von der Biomedizin als psychosomatisch anerkannten Erkrankungen hinaus. Gerade die Trennung von Körper und Psyche und die Behandlung des einen ohne des anderen, die wir uns in der Biomedizin so sehr zur Gewohnheit gemacht haben, wirkt aus der Sicht der Chinesischen Medizin manchmal geradezu absurd.

Ein dritter wichtiger Aspekt der Ganzheitlichkeit betrifft die Teilsysteme, aus denen der menschliche Organismus sich aufbaut. Es ist eine grundlegende Überzeugung der Chinesischen Medizin, dass jedes Teilsystem die Ordnung des großen Ganzen widerspiegelt. Die Gesichtszüge, der Bauch, der Rücken, die Zunge, der Puls, das Ohr… in jedem einzelnen dieser Teile zeigt sich und wirkt das Ganze und wird auf diese Weise sichtbar und behandelbar. So funktioniert letztendlich auch die Befundung in der TCM als ein Erkennen des Großen im Kleinen, des Ganzen in einem Teil (Zunge, Puls).

Es ist nach der Logik der TCM also nicht sinnvoll, den menschlichen Organismus in Diagnose oder Therapie in seine Einzelteile zu zerlegen. Deshalb gibt es in der TCM auch keine Spezialisten für einzelne Teilbereiche, keine Kardiologen, Gynäkologen oder Orthopäden, sondern höchstens Fachleute, was einzelne therapeutische Methoden betrifft, also zum Beispiel Ärzte, die nur Akupunktur oder nur Heilkräuter einsetzen. Für einen Arzt der Chinesischen Medizin hängen Schwerhörigkeit, Inkontinenz und Ängste als Störungen des Funktionskreises Niere eng zusammen. Für deren Behandlung braucht es keinen Hals-Nasen-Ohren-Arzt, keinen Urologen und keinen Psychiater. Diese drei so unterschiedlichen Probleme werden von ein und demselben Arzt, nach ein und derselben Befundung mit denselben Methoden behandelt.

Modelle wie viele Paar Schuhe

Die ganzheitliche Sichtweise hat aber auch Nachteile. Wo die Biomedizin durch das Mikroskop schaut, verwendet die Chinesische Medizin ein Weitwinkelobjektiv. Wo die Biomedizin Gewebe entnimmt und untersucht, beobachtet die TCM den lebenden Organismus eingebettet in sein natürliches Umfeld. Es ist notwendigerweise so, dass keines der beiden Medizinsysteme alles sieht, dass beiden Blicken etwas entgeht.

Die Biomedizin macht Krankheiten meist an sichtbaren, messbaren, quantifizierbaren Dingen fest: an Viren, Bakterien, Blutwerten, der Konzentration von Hormonen oder Neurotransmittern, an Ablagerungen, Veränderungen eines Organs, einer Zelle, eines Gens. Im Unterschied dazu konzentriert sich die Chinesische Medizin auf Gleich- oder Ungleichgewichte, Wechselwirkungen, Dynamiken und Tendenzen. Wollte man fixe, quantifizierbare Daten erhalten, wie die Biomedizin sie verwendet, bräuchte es Momentaufnahmen einzelner Aspekte, die fixiert, isoliert und aus dem Zusammenhang genommen werden müssten. Es bräuchte einen analytischen Ansatz. Doch Relation und Dynamik und damit der eigentliche Fokus der Chinesischen Medizin gingen bei solch einem Vorgehen verloren.

Der Erkenntnisprozess in der TCM ist nicht analytisch, sondern synthetisch, bis zu einem gewissen Grad wohl auch intuitiv. Und er führt nicht zu Gewissheiten und unumstößlichen Wahrheiten, wie es eine Röntgenaufnahme oder ein Bluttest tun, sondern zu ungefähren Einsichten in wahrscheinliche Zusammenhänge. Wer Gewissheiten braucht, ist in der Chinesischen Medizin nicht gut aufgehoben, denn hier bleibt alles relativ und vage. Die Modelle der TCM sind eine Annäherung an die Realität, ihr Wert liegt darin, dass sie in der Praxis umgesetzt werden können und dann – meistens! – funktionieren. Mehr ist beim ganzheitlichen Betrachten eines komplexen Systems nicht zu holen, das wissen Meteorologen ebenso wie das Daodejing, wenn es mit dem Satz eröffnet: das Dao, das man benennen kann, ist nicht das ewige Dao (道 可 道 , 非 常 道 。). Mit anderen Worten: die menschliche Sprache, der menschliche Verstand und… die Medizinmodelle der Menschen können die innersten Gesetzmäßigkeiten der Natur nie zur Gänze erfassen.

Was die Modelle der Chinesischen Medizin nicht bieten, sind also unumstößliche, ewige Wahrheiten. Es handelt sich um Modelle, die nur dann einen Sinn haben, wenn sie sinnvolles Handeln ermöglichen. Wenn ein Phänomen oder eine Entwicklung durch eines der Modelle nicht erklärt werden kann und sich dadurch keine nützlichen Rückschlüsse für das therapeutische Handeln ergeben, so hat es keinen Sinn an dem Modell festzuhalten. Das Motto der Chinesischen Medizin ist deshalb: verwende die Modelle wie unterschiedliche Paare Schuhe und wähle immer das, das dir gerade nützlich ist: am Strand die Sandalen und im Schlamm die Stiefel. Von den Modellen der Chinesischen Medizin geht keine Beweiskraft aus, das letzte Wort liegt immer bei der Wirklichkeit.

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6 Responses

  1. Veronika Springer sagt:

    Ich lese deine Artikel immer wieder gerne mit großem Interesse und Freude- Respekt!!!
    Beste Grüße, Veronika (Apothekerin & TCM- Therapeutin)

  2. Karin sagt:

    Danke, freut mich sehr! LG Karin

  3. irene sagt:

    Ich möchte mich für die stets sehr interessanten, gut aufbereiteten Newsletter bedanken.
    Ich kann erahnen, wie viel Arbeit da dahinter steckt.
    Danke für die Mühe und die Grosszügigkeit, dein Wissen mit uns zu teilen.

    Mit lieben Grüßen, Irene

  4. Karin sagt:

    Das mache ich wirklich gerne. Ich unterrichte viel und habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es keine bessere Methode gibt, etwas zu verstehen, als es jemandem zu erklären. Deshalb ist es auch für mich sehr hilfreich, zu schreiben. Das zwingt mich dazu, Klarheit zu schaffen und ordentlich aufzuräumen. Kann ich nur empfehlen 🙂
    LG und danke für dein Interesse, Karin

  5. Ulli sagt:

    Auch ich möchte mich hiermit für diese wirklich interessanten Weisheiten, Zusammenhänge und – eben Newsletters aufs Herzlichste bedanken.
    Hzl
    Ulli

  1. 20. Juli 2016

    […] ablesen kann. Falls ihr mehr über die TCM lesen möchtet, können wir euch den Artikel „TCM – Eine ganzheitliche Medizin“ ans Herz […]

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