Entschlacken auf Chinesisch

Oder: Wie wir im Frühling unsere Altlasten loswerden

 

Schlacken

Alles, was wir aus der Nahrung aufnehmen, sollte eigentlich einen dieser zwei Wege gehen: den Weg des Yang, wobei es „verbrannt“ und in Kraft, Wärme, Bewegung umgewandelt wird; oder den Weg des Yin, wobei daraus wertvolle Substanz wird, die unseren Körper aufbaut und regeneriert. Der unbrauchbare Rest wird im besten Fall über Stuhl, Urin oder Schweiß ausgeschieden. So weit die Theorie. In der Praxis funktioniert die Umwandlung der Nahrung meist nicht ganz so reibungslos. Zum einen werden wertvolle Stoffe nicht aufgenommen, zum anderen verbleiben Stoffe im Körper, die „unrein“ sind, also keiner sinnvollen Verwendung zugeführt werden können. Diese Stoffe – volkstümlich „Schlacken“ genannt – sammeln sich in Zellen, Geweben oder Organen an und beeinträchtigen deren Funktionen.

Die Chinesische Medizin nennt die Schlacken Feuchtigkeit, Feuchte Hitze oder Schleim. Die Theorie über deren Entstehung, die Unterscheidung der unterschiedlichen Formen und der Krankheiten, die sie hervorrufen, sowie das Wissen darum, wie sie verhindert, vermindert oder ausgeschieden werden können, gehören zu den wichtigsten Themen der TCM.

Der Winter ist für die Mehrzahl der Menschen die Zeit im Jahr, in der sich die meisten Schlacken ansammeln. Während des Winters sammelt der Organismus seine Kräfte im Inneren und zügelt das Yang. Kreislauf und Stoffwechsel werden etwas heruntergefahren, man friert leichter, hat weniger Antrieb und ein stärkeres Bedürfnis nach Schlaf. Durch die verminderte Aktivität von Qi und Yang ergibt sich auch eine vermehrte Tendenz zur Ansammlung von Feuchtigkeit, was sich oft in ein paar zusätzlichen Kilos niederschlägt (aber nicht unbedingt muss: nicht jede Form von Schlacken schlägt sich im Gewicht nieder). Wenn im Frühling nun Qi und Yang wieder an Schwung zulegen, ist es für den Organismus an der Zeit, die winterlichen (oder noch ältere) Altlasten loszuwerden. Zu keiner anderen Zeit im Jahr fällt dem Organismus das Entschlacken, Entgiften und Abnehmen so leicht wie im Frühling. Die guten Vorsätze zu Neujahr wurden also zur Unzeit gefasst. Jetzt, im Frühling, fallen sie viel leichter.

Fasten in der Chinesischen Medizin

Ganz im Unterschied zur Ayurvedischen Tradition gibt es in der TCM keine große Begeisterung für radikale Fastenkuren. Zwar werden die reinigenden und befreienden Prozesse, die das Fasten auslöst, auch in der TCM nicht bestritten, doch kennt man auch andere, negative Aspekte. Letztendlich werden radikale Fastenkuren deshalb in der TCM nur in sehr seltenen Fällen empfohlen, in den meisten anderen wählt man mildere Formen, wie die im Folgenden beschriebenen Reiskuren.

Diese Skepsis liegt zum einen wohl an der Bestrebung der Chinesen, immer und vor allem Maß zu halten. Zum anderen gibt es auch konkrete Argumente, die gegen radikales Fasten sprechen. Durch einen Verzicht auf feste Nahrung kommt es zu Stagnation und Entwicklung von Hitze in den Verdauungsorganen. Sowohl diese Prozesse als auch die starken Abführmittel, die in der Folge zum Einsatz kommen müssen, können sehr leicht das Milz-Qi verletzen und das innere Gleichgewicht nachhaltig stören. Außerdem greift der Organismus während einer Fastenkur – ebenso wie während einer schweren Krankheit – auf seine allerheiligsten Reserven zurück:  auf die Essenz (chinesisch jing), welche im Funktionskreis Niere gespeichert wird und über Vitalität und Langlebigkeit bestimmt. Daraus erklärt die Chinesische Medizin übrigens auch das Hochgefühl und die größere innere Klarheit während einer Fastenkur: die Essenz ist eben ein sehr viel reinerer Kraftstoff als Essen und Trinken.

Entschlacken ohne zu hungern

Die im Folgenden beschriebenen Reiskuren entlasten den Organismus und geben einen Anreiz zum Entschlacken und Entgiften. Gleichzeitig unterstützen sie die natürlichen Ressourcen und festigen das innere Gleichgewicht. Wie alles in der TCM so sollte auch die gewählte Kur zur eigenen energetischen Verfassung passen: von A bis C werden drei verschiedene Varianten vorgestellt. Gerne bin ich Ihnen im Rahmen einer Ernährungsberatung dabei behilflich, die für Sie beste zu wählen oder zusammenzustellen.

Im Allgemeinen sollten die Kuren über mindestens 3-4 Tage eingehalten werden. Während dieser Tage sollte ganz auf Kaffee, alkoholische Getränke, tierische Nahrungsmittel und Süßigkeiten verzichtet werden. Außerhalb der drei Hauptmahlzeiten sollte nur getrunken werden, und zwar die jeweils angeführten warmen Getränke. Wählen Sie nach Möglichkeit Tage ohne zu viele berufliche und soziale Verpflichtungen, an denen sie ausreichend Schlaf und Bewegung an der frischen Luft haben. Die Kost während der Reiskur sollte möglichst eintönig und geschmacklich relativ fade sein, denn dadurch erhöht sich die gesundheitliche Wirkung. Zum Würzen und Abschmecken können die genannten Gewürze, sparsam verwendetes unraffiniertes Meersalz und etwas kaltgepresstes Olivenöl oder Sesamöl verwendet werden.

Variante A (für hitzige Typen): morgens und mittags Reis mit Mungbohnen (Rundkornreis – auch Vollkorn – und Mungbohnen 1:1 in der doppelten Menge Wasser 45 Minuten lang auf kleinster Flamme köcheln lassen und am Ende salzen), eventuell leicht mit Kurkuma oder Koriander gewürzt, dazu kleine Mengen rohes Gemüse. Abends gedämpftes Gemüse, eine Gemüsesuppe  oder wiederum etwas Rohkost. Über den Tag verteilt ausreichend warmes Wasser, Grüntee, Brennnesseltee, Maishaartee oder Löwenzahntee trinken.

Variante B (für Menschen mit einer regulären Verdauung und einem ausreichenden Milz-Qi): morgens und mittags Reis mit Mung- oder Adzukibohnen (Reis und Bohnen 1:1 in der doppelten Menge Wasser 45-60 Minuten lang auf kleinster Flamme köcheln lassen und am Ende salzen), eventuell leicht mit Kurkuma, Koriander, Kreuzkümmel oder Ingwer gewürzt, dazu gekochtes oder gedämpftes Gemüse. Abends gedämpftes Gemüse oder eine Gemüsesuppe. Über den Tag verteilt ausreichend abgekochtes Wasser, Brennnesseltee, Birkenblättertee oder Maishaartee trinken.

Variante C (für Menschen mit einem schwachen Milz-Qi, häufigen Blähungen und weichen Stühlen): morgens und mittags gekochter Reis (Langkornreis wie Basmati oder Thai, besser nicht Vollkorn, ausreichend lange kochen und am Ende salzen), leicht mit Kreuzkümmel, Thymian, Petersilie oder Ingwer gewürzt, dazu gekochtes oder gedämpftes Gemüse. Abends gedämpftes Gemüse oder eine Gemüsesuppe mit Ingwer. Über den Tag verteilt ausreichend abgekochtes Wasser, Kardamomtee oder Ingwertee trinken. Um den Eiweißanteil in dieser Variante zu erhöhen, kann in die Gemüsesuppe etwas gewürfelter Tofu gegeben werden.

Rezept: Gemüsesuppe mit Miso

1 große Karotte
ein paar Stücke Broccoli oder einige halbierte Brüsseler Kohlsprossen
½ Lauch oder 1 Frühlingszwiebel
½ Rettich, Daikon oder ein paar Radieschen
einige Zuckerschoten, von Fäden befreit und schräg halbiert
ein paar Zentimeter Wakame, in kleinere Stücke geschnitten, 15 Minuten in kaltem Wasser eingeweicht und unter fließendem Wasser abgespült (damit der fischige Geschmack etwas weggeht)
1 Liter Wasser
eventuell 2-3 cm frischer Ingwer in Scheiben geschnitten
2 EL Misopaste

Achtung: kein Salz verwenden, das Miso ist selbst salzig genug. Und: das Miso sollte nie mitkochen, weil dadurch seine wertvollen Enzyme zerstört werden.

Das Gemüse in nicht zu kleine Stücke schneiden und zusammen mit dem Ingwer ungefähr entsprechend der Kochzeit in das kochende Wasser geben (Zuckerschoten, Lauch und Wakame ganz zum Schluss, Frühlingszwiebel eventuell auch erst beim Servieren). Das Gemüse nach Geschmack weich oder al dente kochen, vom Feuer nehmen. Das Miso in einem feinen Sieb in die Suppe hängen und langsam auflösen. Die im Sieb verbliebenen Reste in die Suppe geben. Kurz ziehen lassen und noch warm löffeln. Vor dem Essen nochmals umrühren, da das Miso sich sehr schnell absetzt.

Miso hat eine sehr stark entgiftende Wirkung. Zusammen mit dem Gemüse und den Algen (es können übrigens ganz nach Geschmack auch andere Gemüsesorten verwendet werden) eignet sich diese Suppe wirklich wunderbar zum Entschlacken.

 

Die Informationen in dieser Website dienen ausschließlich der allgemeinen Information und können in keiner Weise die persönliche Beratung durch einen Arzt oder qualifiziertes medizinisches Fachpersonal ersetzen.

You may also like...

3 Responses

  1. LUCA FARINA (SCUOLA TAO) sagt:

    Ciao Karin,
    ti volevo dire che ho trovato questo articolo molto carino e ricco di nuovi spunti di riflessione.
    Un caro saluto,
    Luca Farina

  2. Doris Kirch sagt:

    Liebe Karin,

    aus gesundheitlichen Gründen, aus Passion und um unserem stressgelagten Klientel über das Entwickeln eines „achtsamen Gehirns“ hinaus Unterstützung zu geben, interessiere ich mich für die TCM und die Fünf Elemente Ernährung.

    Natürlich recherchiere ich dazu das eine oder andere im Internet und möchte an dieser Stelle einmal meine Wertschätzung für Ihre Beiträge ausdrücken.

    Ich habe selbst einmal eine Heilpraktiker-Ausbildung gemacht und bin oft angenervt über das schlechte Niveau von Beiträgen im Internet. Ihre Beiträge sind mir jedoch jedes Mal ein Quell der fundierten Informationen – und der Lesefreude. Nicht nur, dass mein Wissensdurst befriedigend gestillt wird, Ihre Artikel waren auch schon sehr hilfreich für mich persönlich.

    Ich schreibe selbst viel im Internet und weiß daher aus Erfahrung, wie viel Zeit und Mühne in hochwertigen Beiträgen stecken. Daher eine ganz besonders tiefe Verbeugung und meinen herzlichen Dank für Ihre informativen und hilfreichen Artikel.

    Ich würde gerne mehr von Ihnen lernen, habe aber gesehen, dass die von Ihnen angebotenen Fortbildungen in italienischer Sprache abgehalten werden

    Liebe Grüße aus Deutschland
    Doris

  3. Karin sagt:

    Liebe Doris, vielen herzlichen Dank für Ihr Lob, ich freue mich sehr darüber. Wenn Sie selbst im Internet schreiben, wissen Sie sicher auch, wie schön es ist, wenn man eine Rückmeldung erhält. Danke dafür 🙂
    LG Karin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.