Gesundheit mit dem Dao

oder Einen Brunnen graben vor dem Durst

Die Chinesische Medizin, so heißt es, sei eine präventive Medizin. Es gehe hier nicht so sehr darum, Krankheiten zu heilen, als vielmehr darum, sie gar nicht erst entstehen zu lassen. Die Vorstellungen von Prävention und Gesundheit entsprechen hier allerdings nicht denjenigen, die in der Schulmedizin vorherrschen, und es lohnt sich darüber nachzudenken.

Die Schulmedizin definiert Gesundheit meist negativ als einen Zustand, in dem keine erkennbare Erkrankung besteht. Kommt ein Patient „zu früh“ zum Arzt, also zu einem Zeitpunkt an dem dieser vielleicht kleinere Störungen in der Befindlichkeit, aber noch keine ernsthafte Erkrankung feststellen kann, so fehlen dem Arzt ohne Diagnose auch die Richtlinien für eine Behandlung. Er wird dem Patienten also sinngemäß sagen, dieser sei „gesund“ und solle dann wiederkommen, wenn die Situation sich verschlimmert hat, wenn also eine erkenn- und möglichst behandelbare Erkrankung vorliegt. Ein Schulmediziner orientiert sich an der Krankheit; die Gesundheit bleibt als Restmenge übrig, wenn alle Krankheiten ausgeschlossen werden können. Ähnlich funktioniert auch die gängige Prävention, nämlich meist nur als Früherkennung von Krankheiten.

Ganz im Unterschied dazu orientiert sich die Chinesische Medizin nicht so sehr an Krankheiten, auch nicht an Ungleichgewichten oder Syndromen. Von ihren Anfängen her vertritt die Chinesische Medizin eine sehr konsequente und durchdachte Form von Gesundheitsförderung. Und davon können wir uns einiges abschauen, obwohl oder gerade weil eine solche Medizin nur sehr schwer in unsere Gesundheitssysteme passt.

Gesundheit bedeutet in der TCM zunächst einmal die Fähigkeit des Organismus, dank oder trotz der äußeren und inneren Einwirkungen (Klima, Ernährung, Lebenswandel, Emotionen) ein inneres dynamisches Gleichgewicht zu erhalten, das alle wichtigen physiologischen Funktionen und Prozesse ermöglicht. Diese Fähigkeit des Organismus setzt sich aus mehreren einzelnen Faktoren zusammen. Eminent wichtig aus der Sicht der Chinesischen Medizin ist die Fähigkeit des Organismus, die innere Dynamik zu erhalten, denn jede Art von Stagnation ist ein großes Problem für die Gesundheit. Außerdem benötigt der Organismus natürlich seine Ressourcen, vorgeburtliche wie nachgeburtliche, und zwar Qi, Blut und Körperflüssigkeiten, Yin und Yang, den Geist (shen) und die Essenz (jing). Sind alle diese Voraussetzungen vorhanden und gut aufeinander abgestimmt, so ist die Gesundheit stark und der Organismus kann sich nach innen im Gleichgewicht halten und nach außen hin schützen: er bleibt gesund.

Eben diese Kräfte und Ressourcen versucht die Chinesische Medizin zu stärken in dem Vertrauen darauf, dass der Organismus dann selbst am besten für die Erhaltung der Gesundheit sorgen kann. Diese Kräfte als „Selbstheilungskräfte“ zu bezeichnen, wäre wohl zu kurz gegriffen. Es handelt sich nicht nur um heilende Kräfte, sondern um die Lebenskräfte an sich. Jeder Mensch besitzt vom ersten bis zum letzten Augenblick seines Lebens diese Art von Gesundheit. Auch ein kranker Organismus bewegt Blut und Säfte, verdaut, schläft und hält sich warm; auch und gerade ein kranker Mensch hat also eine Gesundheit, die es zu stärken und zu unterstützen gilt. Dies ist das eigentliche, ursprüngliche Ziel der Chinesischen Medizin: den Organismus mehr oder weniger unabhängig von den Erkrankungen stärker zu machen.

Die TCM vertraut also auf die Fähigkeit des Körpers sich selbst zu regulieren und zu schützen, wenn er nur stark genug ist, wenn es um seine Ressourcen, seine Gesundheit nur gut genug steht. Dieses grundlegende Vertrauen in den Körper kommt aus dem Daoismus, genauer vom unerschütterlichen Vertrauen der Daoisten in die Natur. Diese ur-chinesische Philosophie mit ihren Wurzeln im ersten vorchristlichen Jahrtausend begreift die Natur als ein wundervolles, von komplexen Gesetzen und Zusammenhängen harmonisch geregeltes Ganzes. Die innerste Gesetzmäßigkeit des Kosmos, das dao, erschließt sich dem menschlichen Verstand niemals zur Gänze; wir können nur erahnen, welchen Gesetzen das Dao folgt, und diese intuitiv erfassen. Im Unterschied zu vielen anderen Weltanschauungen, in denen es Schlechtes, Böses oder Unreines gibt, das es zu loszuwerden, zu unterdrücken oder zu besiegen gilt, erkennt der Daoismus in der Natur keinen Makel.

Das einzige Problem ist der Mensch selbst, denn ihn verknüpft mit der Natur und dem Dao ein zweifaches und widersprüchliches Band. Zum einen ist der menschliche Organismus selbst Teil der Natur und untersteht so den Gesetzmäßigkeiten des Dao. Der Wechsel von Yin und Yang, das Zusammenspiel der fünf Wandlungsphasen lassen sich in den physiologischen Abläufen im Körper ebenso erkennen, wie in den Bahnen der Planeten, den Jahreszeiten und natürlich jeder Form von belebter Natur. Andererseits aber kann der Mensch sich in seinem Handeln vom Dao lossagen, ja sich ihm sogar widersetzen. Das Credo des Daoismus ist es, dass menschliches Handeln, welches gegen die Gesetzmäßigkeiten des Dao verstößt, im besten Falle trotz großer Kraftanstrengung nicht viel erreicht, im schlimmsten Falle aber großen Schaden anrichten kann. Deshalb sollte der Mensch sich selbst, seine Wünsche und Vorstellungen zurücknehmen und sein Handeln nach dem Dao ausrichten. Dies ist die Idee vom wuwei, dem nicht-Zuwiderhandeln oder besser Handeln im Einklang mit dem Dao.

Eben diese Idee liegt auch der Chinesischen Medizin zu Grunde. Die Natur und ebenso der menschliche Organismus funktionieren aus daoistischer Sicht am allerbesten, wenn man sie unterstützt, ohne in ihre innere Ordnung – ihr Dao – eingreifen zu wollen. Aus diesem Grund gelten in der Chinesischen Medizin von alters her jene Heilmittel als die wertvollsten, die den Organismus unterstützen und stärken, ohne ihn zu sehr aus dem Gleichgewicht zu bringen. Diese Heilmittel verbessern die Fähigkeit des Organismus, sich selbst im Gleichgewicht zu halten und sind sanft genug, um praktisch keine Nebenwirkungen hervorzurufen. Es sind dies Mittel, die ihre Wirkung über lange Zeit hin entwickeln, über Monate, Jahre, ja sogar Jahrzehnte. Selbstverständlich kommt man mit solchen Heilmitteln bei einem perforierenden Magengeschwür zu spät. Dazu meint der „Klassiker des Gelben Kaisers“:

Eine Krankheit zu behandeln, nachdem sie ausgebrochen ist, ist wie eine Revolte zu unterdrücken, nachdem sie schon begonnen hat, wie wenn jemand erst beginnt einen Brunnen zu graben, sobald er Durst hat, oder Waffen schmiedet, wenn er schon mitten im Kampf steht.

Noch vor dem Durst einen Brunnen graben, das meint die Chinesische Medizin mit der Praxis des yang sheng, was übersetzt so viel heißt wie „das Leben nähren“. Es ist dies eine Gesundheitsförderung, die sich mit dem Dao des Organismus verbündet. Eine solche Förderung der Gesundheit obliegt nicht dem Arzt, sondern jedem Einzelnen von uns; sie findet nicht in einem therapeutischen Rahmen statt, sondern mitten im Alltag; und sie kann an niemanden delegiert werden, hier braucht es Eigenverantwortlichkeit und Kompetenz. Es geht darum, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern, vergleichbar mit dem täglichen Zähneputzen, oder – um ein weiteres Bild zu bemühen – wie ein Gärtner seine Beete vorsorglich düngt und jätet. Diese Gesundheitsförderung, das Herz der Chinesischen Medizin, setzt verschiedene Methoden ein. Zunächst einmal gibt es ein umfassendes Wissen darüber, wie man sein Leben möglichst gesund gestalten kann, also über das Leben mit den Rhythmen der Natur, über das Gleichgewicht von Ruhe und Bewegung, den Umgang mit Emotionen. Das chinesische Volk überliefert dieses Wissen seit Jahrhunderten und setzt es mit einer bewundernswerten Begeisterung für die Gesundheit um. Auch Qigong, das „Üben mit dem Qi“, ist als Zusammenspiel von Bewegung, Atmung und Meditation unersetzlich. Ebenso wichtig ist in der Gesundheitsförderung eine ausgewogene, den Bedürfnissen des Einzelnen angepasste Ernährung. Ergänzt wird die Ernährung in der TCM mit sanft wirkenden Heilkräutern (sehr häufig handelt es sich dabei auch einfach nur um besonders gesunde Nahrungsmittel), die alltäglichen Speisen zugegeben oder in komplexen Kräuterrezepturen kombiniert werden. Eine relativ unwichtige Rolle spielt in der Gesundheitsförderung hingegen die Akupunktur. Mit jedem Nadelstich geht Qi verloren, was in der Therapie in Kauf genommen werden kann, in der Vorsorge aber vermieden werden sollte. Eine umso wichtigere Rolle nehmen in der Gesundheitsförderung deshalb manuelle Techniken wie das chinesische Tuina oder das japanische Shiatsu ein.

Klar, nicht in allen Situationen reicht der präventive Ansatz der Chinesischen Gesundheitsförderung aus. Wenn bereits eine Krankheit besteht, braucht es sehr oft zudem auch stärkere Geschütze. Zum einen kennt die TCM selbst schneller wirksame therapeutische Maßnahmen, zum anderen beweisen auch die Erfolge der Schulmedizin, dass es in vielen Situationen durchaus angebracht sein kann, sich über das Gebot des nicht eingreifenden Handelns hinwegzusetzen und ohne zu viel Angst vor Nebenwirkungen mit drastischen Methoden gegen eine Krankheit vorzugehen. In solchen Situationen kommt die Schulmedizin zum Zug, mit ihren oft sehr heftigen therapeutischen Mitteln und leider meist ebenso heftigen Nebenwirkungen. Das aber macht die Gesundheitsförderung im Sinne der TCM nicht überflüssig. Viele Menschen kümmern sich nicht um ihre Gesundheit, solange es ihnen gut geht, weil sie das vermeintlich noch nicht nötig haben. Wenn sie dann ernsthaft krank werden, nehmen sie an, für eine Gesundheitsförderung sei es ohnehin zu spät. Beides ist falsch gedacht. Das Leben zu nähren ist zu jedem Zeitpunkt sinnvoll, vor einer Erkrankung ebenso wie begleitend zu jeder Art von Therapie, vom ersten bis zum letzten Tag des Lebens.

 

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4 Responses

  1. Angelika sagt:

    Vielen Dank für diesen schönen Artikel. Ich finde es besonders gut, darauf hinzuweisen, dass die Förderung meiner Gesundheit im Alltag liegt – es geht eben nicht darum, nur eine Pille zu schlucken oder schöne Kräutermedizin zu trinken. Sondern ich kann jeden Tag etwas für mich und meine Gesundheit tun.

    Was ich gar nicht wusste, ist , dass Qi verloren geht bei der Akupunktur? Darüber würde ich gerne mehr erfahren (z.B. in einem weiteren Artikel?)

    Herzliche Grüße

  2. Karin sagt:

    Ja, das ist der Grund, warum man bei Leere-Mustern sehr wenige Nadeln setzt, eben nur die wirklich notwendigen. Ich mache aber keine Akupunktur und deshalb wird ein Artikel darüber wohl nicht kommen…

    Danke für die Rückmeldung und liebe Grüße
    Karin

  3. Roberto sagt:

    Ottimo articolo! molto ben scritto, grazie!

    Herzliche Grüße
    Roberto Jobet

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