Milch und Milchprodukte

Viele meiner Kunden als Ernährungsberaterin haben kleine oder große Probleme mit Milch und Milchprodukten. Einige haben, wenn sie zu mir kommen, bereits für sich entschieden teilweise oder ganz auf diese zu verzichten und berichten oft, dass es ihnen seither besser geht: weniger müde, seltener krank, abgenommen, weniger Blähungen, ein besseres Gefühl im Bauch. Tatsache ist: Milch ist heutzutage ein höchst problematisches Nahrungsmittel. Allerdings ist es nicht immer einfach zu verstehen, was hinter diesen Problemen steckt. Manche geben der Fütterung der Kühe die Schuld: Silage und Getreide statt Heu und Gras führe bei den Kühen selbst zu Verdauungsstörungen, die sich dann (jede stillende Frau weiß das) auf uns überträgt. Andere sehen das Problem in der Homogenisierung der Milch: die dabei entstehenden extrem kleinen Fettpartikel würden Enzyme und allergene Proteine durch die Darmschleimhaut schleusen. Wieder andere geben dem Pasteurisieren die Schuld: Rohmilch sei ein natürliches und sehr viel gesünderes Produkt. Zu all diesen aktuellen Fragen hat die TCM naturgemäß keine Antworten und zum Teil braucht es wohl auch noch einiges an Forschung, um der Wahrheit näher zu kommen. Weit verbreitet ist aber eine Milch und Milchprodukten gegenüber recht feindliche Stimmung und natürlich teilen auch viele, die sich für Chinesische Medizin interessieren, diese Skepsis. Ist sie aus der Sicht der TCM begründet? Und wenn ja, warum? Wann können Milch und Milchprodukte dennoch als gesund gelten?

In der Klassifizierung der TCM gilt die Milch als neutral in der thermischen Wirkung und als süß im Geschmack. Milch gilt hier zuallererst als ein Tonikum, das die Ressourcen des Organismus stärkt. Die tonisierende Wirkung schließt prinzipiell alle Formen von Defizit ein, richtet sich aber besonders auf das Qi der beiden Funktionskreise Lunge und Magen. Stark ist auch die Wirkung der Milch auf die Yin-Wurzel des Organismus und hier in deren voller Bandbreite: Milch nährt Säfte und Yin von Magen und Lunge, das Blut des Funktionskreises Herz und befeuchtet den Darm. Kontraindiziert ist die Milch nach dieser traditionellen Einschätzung bei Schwäche und Kälte der Mitte, also vor allem bei einem Qi-Mangel der Funktionskreise Magen und Milz, da sie in diesem Fall durch ungenügende Umwandlung zur Entstehung von Feuchtigkeit und Schleim führen kann. Insgesamt gelten Milch und Milchprodukte in der Ernährungslehre der TCM als relativ stark befeuchtende Nahrungsmittel, weshalb das Vorhandensein von Feuchtigkeit oder Feuchte-Hitze in der Milz als absolute Kontraindikation für Milch und alle Milchprodukte gelten sollte.

Soweit die Klassifizierung in der Chinesischen  Medizin. Wollen wir diese Einschätzung der Milch ins rechte Licht rücken, müssen wir daran erinnern, dass die Chinesen zu mehr als 90% laktoseintolerant sind, den in der Milch enthaltenen Milchzucker also nicht verdauen können. Wie hat diese genetische Veranlagung der Chinesen die Klassifizierung der Milch in der TCM beeinflusst? Um dies zu beurteilen, müssen wir erst kurz klären, was es mit der Laktoseintoleranz auf sich hat.

Zunächst einmal muss klar unterschieden werden zwischen einer Allergie auf Milcheiweiße und einer Laktoseintoleranz. Eine Allergie ist eine Reaktion des Immunsystems auf vermeintliche Eindringlinge, für welche die Eiweiße der Milch (meist handelt es sich hier um Kuhmilch) gehalten werden. Bei Kleinkindern kann eine solche Allergie relativ häufig auftreten (circa 2-3%), sie wächst sich aber in den allermeisten Fällen bis zum Kindergartenalter aus. Das hat damit zu tun, dass bis dahin die Darmschleimhaut reif genug ist, um nicht denaturierte, also unverdaute Eiweißmoleküle nicht mehr passieren zu lassen. In der TCM spricht man bei Kleinkindern in diesem Zusammenhang von einer physiologischen Schwäche des Milz-Qi. Bei Erwachsenen dann ist eine echte Allergie auf Milcheiweiße sehr selten.

Im Unterschied dazu ist die genetisch bedingte Laktoseintoleranz sehr weit verbreitet, ja weltweit weitaus häufiger als deren Gegenteil, nämlich die Fähigkeit nach den allerersten Lebensjahren den Milchzucker Laktose weiterhin verdauen zu können: geschätzte 76% der Weltbevölkerung können eben das ab dem Kindergartenalter nicht mehr. Grund dafür ist das Fehlen des Enzyms Laktase, das dazu benötigt wird, den Milchzucker im Dünndarm in zwei Einfachzucker zu zerlegen, die daraufhin durch die Darmschleimhaut aufgenommen werden können. Fehlt das Enzym oder wird nicht genügend davon produziert, so gelangt die Laktose in den Dickdarm und wird dort von Bakterien aufgespaltet. Die chemischen Endprodukte dieser Spaltung führen zu Blähungen und weichen Stühlen oder gar zu Durchfall. Das Fehlen des Enzyms kann erblich bedingt sein (wie beim Großteil der Weltbevölkerung) oder es kann zeitweiligen mit einer Erkrankung oder Fehlfunktion des Darms einhergehen. Die Produktion des Enzyms Laktase nimmt zudem im Alter ab (was aus der Sicht der TCM einem Nachlassen des Milz-Qi entspricht) und wird vom Körper dem Bedarf angepasst. Wenn also über einige Wochen wenig oder keine Laktose im Dünndarm ankommt, wird die Produktion dementsprechend heruntergefahren. Dies ist der Grund dafür, dass eine Unverträglichkeit von Milchprodukten bisweilen auch eine selbsterfüllende Prophezeiung werden kann: je weniger man davon isst, desto weniger kann man davon verdauen. Wer über mehrere Wochen keine Laktose aufgenommen hat, muss sich die Fähigkeit, sie zu verdauen, erst wieder langsam antrainieren.

Aus der Sicht der TCM entsprechen die genannten Symptome (Blähungen, weiche Stühle oder Durchfall) einer Ansammlung von Feuchtigkeit im Funktionskreis Milz. Weitere Anzeichen für Feuchtigkeit, die ebenfalls Folge von Milch oder Milchprodukten sein können, sind Wassereinlagerungen meist im Bauchbereich (man weiß inzwischen, dass die Darmwände selbst anschwellen), aber auch an Po und Beinen. Dadurch kann es beim Konsum von befeuchtenden Nahrungsmitteln zu einer sprunghaften Zunahme des Körpergewichts kommen, meist aber gibt es bei Feuchtigkeit auch langfristig eine Tendenz zu Übergewicht, selbst dann, wenn nicht übermäßig viel gegessen wird. Und schließlich kann die im Verdauungstrakt entstandene Feuchtigkeit sich auch im Funktionskreis Lunge sammeln und dort als Schleim die Atemwege belasten, was besonders bei Kindern oft der Fall ist.

All dies also sind Anzeichen für Feuchtigkeit, die – so die Beobachtungen der TCM – durch den Konsum von Milch oder Milchprodukten verursacht werden können. Dass sie bei laktoseintoleranten Menschen auftreten können (also bei fast allen Chinesen), ist unbestritten, doch ist das auch bei allen anderen der Fall und wenn, ab welcher Menge? Und gilt dies für alle Milchprodukte?

Zunächst einmal wirkt Milch auch für Menschen, die Laktose verdauen können, befeuchtend, aber lange nicht so stark. Dasselbe gilt naturgemäß auch bei Laktoseintoleranz für laktosefreie Milch oder Milchprodukte. Laktosefreie Milchprodukte gibt es in vielen kulinarischen Traditionen und vor allem in Ländern, in denen ein hoher Prozentsatz von laktoseintoleranten Menschen daran interessiert ist, den Konsum von Milch mit ihren rumorenden Bäuchen zu vereinbaren. In Italien zum Beispiel, wo der Anteil von laktoseintoleranten Menschen von Norden nach Süden von circa 30 auf circa 70% ansteigt, gibt es sehr viele ausgezeichnete Käsesorten, in denen der Milchzucker durch die Reifung ganz von selbst verschwindet: Parmesan, gereifter pecorino oder provola zum Beispiel. Wenn die Laktose kein Problem darstellt (weil keine vorhanden ist oder weil sie vertragen wird), hängt die befeuchtende Wirkung der Milchprodukte vor allem vom Fettgehalt ab und von der Gesamtmenge der verschiedenen Zucker. Ein Fruchtjoghurt wird so auch ohne Laktose durch die Zugabe von Obst und viel Zucker zu einem wirklich sehr stark befeuchtenden Nahrungsmittel, ähnliches gilt für einen beinahe laktosefreien aber sehr fetten Käse wie den Gorgonzola.

In allen Fällen ist die befeuchtende Wirkung eine Frage der Menge: kleine Mengen Milch oder Milchprodukte haben eine entsprechend begrenzte befeuchtende Wirkung. Deshalb werden auch in China Milch und Milchprodukte konsumiert und – meistens – vertragen. Für einen gesunden Darm ist die unverdaute Laktose in kleinen Mengen in etwa vergleichbar mit Ballaststoffen, also im Prinzip eine Art Präbiotikum, Nahrung für die Darmflora. Das gilt aber eben nur für einen gesunden Darm und eine gesunde Darmflora. Ist diese aus dem Gleichgewicht, so trägt die Laktose dazu bei, die falschen Bakterien noch stärker zu machen und die für die Gesundheit wichtigen dadurch zu verdrängen.

Während bei einer Schwäche des Milz-Qi also Vorsicht bei Milch und Milchprodukten (wie auch bei allen anderen befeuchtenden Nahrungsmitteln) und eventuell eine Einschränkung in deren Verzehr angesagt sind, ist das Vorhandensein von Feuchtigkeit, das oft aber nicht immer mit dem Milz-Qi-Mangel einhergeht, ein dringender Grund, Milch und Milchprodukte stark einzuschränken oder gar zu vermeiden. Dasselbe gilt für Feuchte-Hitze in der Milz, gleichgültig ob diese in einem akuten Muster von außen in die Milz eingedrungen ist, wie zum Beispiel bei einer akuten Gastroenteritis, oder ob sie sich in Form einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung von innen her gebildet und festgesetzt hat, wie zum Beispiel beim Morbus Crohn. Sowohl Feuchtigkeit als auch Feuchte-Hitze blockieren das Milz-Qi und können deshalb auch aus biomedizinischer Sicht zu einer zeitweiligen Laktoseintoleranz (und natürlich auch zu anderen Verdauungsstörungen) führen. Feuchtigkeit und Feuchte-Hitze sind also sowohl Folge als auch Ursache einer mangelhaften Verdauung von Milchprodukten.  Sind solche „Störfaktoren“ vorhanden, ist es aus der Sicht der TCM meist nötig, diese erst loszuwerden, bevor damit begonnen werden kann das Milz-Qi zu stärken. In dieser Phase ist es neben anderen Maßnahmen meistens das Beste, ganz auf Milchprodukte zu verzichten oder sie sehr stark einzuschränken, ebenso wie alle anderen stark befeuchtenden Nahrungsmittel, also vor allem Obst, Fruchtsäfte, Zucker, Honig und Weizenmehl. Sind Feuchtigkeit oder Feuchte-Hitze weg und das Milz-Qi wieder stärker, werden begrenzte Mengen dieser befeuchtenden Nahrungsmittel wieder besser vertragen.

Wer die Ernährung nach der TCM kennt, weiß, dass es hier keine „guten“ oder „schlechten“ Nahrungsmittel gibt, sondern nur deren richtigen oder falschen Gebrauch. Auch Milch und Milchprodukte haben in der richtigen Situation und der richtigen Menge genossen eine durchaus gesunde und wertvolle Wirkung. So können sie als Qi-Tonika für Magen und Lunge eingesetzt werden. In der Praxis werden zu diesem Zweck meist Schafs- und Ziegenmilch verwendet, da deren thermische Wirkung leicht wärmend ist und das Qi besser unterstützt. Die wirklich wertvollen Wirkungen verdanken Milch und Milchprodukte aber ihrer Fähigkeit, zu nähren. Das ist sozusagen die Kehrseite der befeuchtenden Wirkung, denn alles das, was befeuchtet, kann bei Trockenheit und Substanzmangel sehr nützlich sein. Besonders gelten diese Wirkungen für die Funktionskreise Magen, Lunge, Dickdarm und Herz. Bei einem Magen-Yin-Mangel, also einem „trockenen“ Magen, der sich schlecht schützen kann, ist Milch oft ein sehr nützliches Getränk. Ebenso nähren Milch und Milchprodukte die Säfte und das Yin der Lunge bei trockenem Reizhusten oder trockener Haut. Und, wen wundert es, was bei vielen zu Durchfall führen kann, ist logischerweise für manchen ein probates Mittel gegen Verstopfung. In Bezug auf das Herz nähren Milch und Milchprodukte vor allem das Herz-Blut, helfen also bei Palpitationen, Schlafstörungen und innerer Unruhe. Meist werden in diesen Fällen Kuhmilch und  erfrischende  Milchprodukte zum Einsatz kommen, so zum Beispiel Butter, Sahne, Naturjoghurt oder Frischkäse. Reifere Käse und die Milch von Schaf und Ziege sind durch ihre wärmende thermische Wirkung in diesen Fällen nicht so ideal.

Welches also ist mein Fazit? Ob Milch und Milchprodukte vertragen werden und in welcher Menge, hängt nicht so sehr davon ab, ob eine Laktoseintoleranz vorhanden ist oder nicht, sondern wie stark das Milz-Qi ist und ob Feuchtigkeit oder Feuchte-Hitze vorhanden sind. Eine gesunde Milz kann kleine Mengen Milchprodukte ohne weiteres wegstecken, auch dann wenn für sie unverdaubare Laktose darin enthalten ist. Eine schwache oder durch die Ansammlung von Feuchtigkeit blockierte Milz hingegen geht schon bei relativ kleinen Mengen von Milchprodukten in die Knie, auch dann, wenn keine Laktoseintoleranz vorliegt oder die Produkte gar keinen Milchzucker enthalten. Trotz der vielen Probleme damit ist es aber sehr schade, diese Nahrungsmittel generell zu verteufeln, da sie für manche Menschen hilfreich, ja sogar sehr wertvoll sein können. Der wichtigste Ratschlag bleibt also wie so oft, sehr gut auf sich zu hören und dem eigenen Bauch im Zweifelsfall mehr zu vertrauen als den vielen Experten.

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2 Responses

  1. Swetlana sagt:

    Vielen Dank für sehr hilfsreiche und vielseitige Information. Ich habe relativ schwache Milz und esse seit einem Jahr (nach TCM) fast keine Milchprodukte außer Butter und Parmesan. Nach Ihrem Artikel fange ich wieder mit Ziegen-und Schafsjogurt an.

  2. Karin sagt:

    Mein Ratschlag wäre dann: essen Sie den Joghurt ohne Zucker, nicht kalt aus dem Kühlschrank, vielleicht sogar etwas angewärmt und lassen Sie ihn eine Weile im Mund, dann tun sich Milz und Magen leichter damit.
    Danke für Ihren Beitrag!
    Liebe Grüße Karin

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