Was ist TCM?

Eine lange Geschichte

Als erstes und bis heute grundlegendes schriftliches Werk in der Chinesischen Medizin gilt der Huangdi Neijing (黄帝内经), der Innere Klassiker des Gelben Kaisers. Diese wahrscheinlich während der Dynastie der Westlichen Han in den zwei letzten vorchristlichen Jahrhunderten verfasste Schrift enthält alle grundlegenden Ideen, Begriffe und Erklärungsmodelle, auf welche die Chinesische Medizin bis heute baut. In den darauffolgenden zwei Jahrtausenden hat sich die medizinische Tradition in China unweigerlich weiterentwickelt, eine Vielzahl von Schulen und unzählige praktizierende Ärzte, Heiler und Mönche haben eigene Techniken, Praktiken und Theorien gefunden und erprobt. Auf einem Gebiet, das sich von der tropischen Insel Hainan bis in die mongolische Wüste Gobi erstreckt, bewohnt von Dutzenden verschiedener Ethnien, hatten Ärzte und Medizinschulen mit sehr unterschiedlichen Herausforderungen zu kämpfen: im Norden die trockene Kälte, im Süden die feuchte Hitze, unter der Landbevölkerung der Hunger, in den Häusern der reichen Städter der Überfluss. Dementsprechend unterschiedlich sehen auch ihre Strategien zur Bewältigung dieser Herausforderungen aus. Dennoch konnte in der medizinischen Tradition Chinas über viele Jahrhunderte eine starke Homogenität erhalten bleiben, wohl auch weil die beachtliche kulturelle Kontinuität dies ermöglichte. So blieb die grundlegende Theorie der Chinesischen Medizin über die Zeit mehr oder weniger unverändert gültig und die Schulen und Ärzte fühlten sich trotz der Unterschiede alle derselben Tradition zugehörig, einer Tradition, die im Huangdi Neijing wurzelt.

Eine wirklich tiefe Erschütterung erlebte die Chinesische Medizin am Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Schatten der westlichen Biomedizin erschien das chinesische traditionelle Medizinsystem vielen fortschrittlichen, westlich orientierten Chinesen als antiquiert und unwissenschaftlich. Der Widerspruch zwischen den von Aberglauben und magischem Denken durchzogenen Theorien und Praktiken der Chinesischen Medizin und den modernen, westlichen Ansichten über den menschlichen Körper schien unüberwindbar. Zudem war die Ausbildung der Ärzte immer unzureichender geworden und die Homogenität der Chinesischen Medizin erschien zumindest fragwürdig. So stand die chinesische Medizin in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kurz davor, in China selbst offiziell verboten zu werden.

In dieser  Situation war es die kommunistische Partei Chinas und später das Kommunistische Regime unter Mao, welche sich der Chinesischen Medizin annahmen und sie neu organisierten. Dies geschah nicht so sehr aus ideologischer Gleichgesinntheit, sondern vielmehr aus Pragmatismus. Die Bevölkerung in den “befreiten Gebieten” erst und im gesamten Gebiet der Volksrepublik China später benötigte eine einigermaßen sichere und doch bezahlbare medizinische Versorgung. Um dies zu gewährleisten kam Mao auf das “nationale Schatzkästchen” der Chinesischen Medizin zurück. Diese musste unter Mao allerdings Federn lassen: im Laufe ihrer Neustrukturierung wurden all jene Elemente wegrationalisiert, die für einen modernen, wissenschaftlich denkenden Geist allzu schwer zu akzeptieren wären. Außerdem wurden die theoretischen Grundlagen systematisiert und zum ersten Mal in der Geschichte Chinas in Lehrbücher gegossen, wie sie heute jeder Student der Chinesischen Medizin kennt. Das Resultat dieser Überarbeitung ist, als sogenannte „Traditionelle Chinesische Medizin“ (kurz TCM) bekannt, eine Art modernisierte und in den letzten Jahrzehnten auch globalisierte Version der chinesischen Medizintradition. Auf diese TCM nehmen wir hier Bezug.

Die TCM besteht grob gesprochen aus zwei Systemen, die sich derselben theoretischen Modelle bedienen und sozusagen unter demselben Dach wohnen, trotzdem aber völlig unabhängig voneinander eingesetzt werden können. Zum einen gibt es die “Innere Medizin”, in der die Funktionskreise und ihre Störungsmuster im Mittelpunkt stehen. Nach dieser Inneren Medizin richten sich vor allem die Chinesische Kräuterheilkunde und die Ernährungslehre. Daneben gibt es eine “Äußere Medizin”, in der Meridiane und Akupunkturpunkte beschrieben werden und nach welcher Akupunktur, Moxibustion, Tuina und Qigong sich ausrichten. Den eigentlichen Kern der modernen TCM, vor allem was die Theorie und die Diagnosemethoden betrifft, bildet die Innere Medizin. So nimmt auch die Äußere Medizin meist Bezug auf die inneren Funktionskreise und deren Muster und orientiert sich auch für die Diagnose an “inneren” Zeichen und Symptomen.

Zwischen Tradition und Modernität

Die Chinesische Medizin ermöglicht uns nicht einfach nur einen Zugang zu alternativen Heilmethoden, sie stellt ein im Vergleich zur modernen Biomedizin grundlegend anderes Medizinmodell dar. Wie jedes Medizinmodell ist auch die TCM das Ergebnis eines bestimmten geschichtlichen und kulturellen Kontexts. Wollen wir die Chinesische Medizin verstehen, so müssen wir uns mit dem Gedankengut und der Weltsicht auseinandersetzen, vor deren Hintergrund sie sich entwickelt hat. Dabei geht es vor allem darum, eine andere Art zu denken kennenzulernen. Der Schritt von der Biomedizin hin zur TCM bedeutet wohl nicht viel weniger als einen Paradigmenwechsel.

TCM und Biomedizin betrachten denselben menschlichen Organismus und doch kommen sie zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen. Das Objekt ist dasselbe, doch der Blick könnte unterschiedlicher nicht sein. So wie auf einer geographischen und einer politischen Landkarte dieselbe Gegend dargestellt wird und wir doch andere Dinge erkennen können: Berge, Meerestiefen und Wüsten auf der einen Karte, Landesgrenzen, Hauptstädte und Hoheitsgebiete auf der anderen.

Für die TCM und insbesondere die Innere Medizin war der menschliche Körper seit jeher eine Art black box: er konnte von außen sehr genau beobachtet werden, doch systematische Kenntnisse über sein Inneres gab es nicht. Also konzentrierte sich die Chinesische Medizin aufs Beobachten. Viele Generationen von Ärzten haben über Jahrhunderte eine schier unendliche Menge empirischer Daten gesammelt, zwar nicht nach den strengen wissenschaftlichen Kriterien moderner Versuche, dafür aber mit Offenheit, Hausverstand und sehr viel Erfahrung. Um den empirischen Erkenntnissen eine innere Ordnung zu geben, hat die Chinesische Medizin Modelle entwickelt, die sich an die chinesische Naturphilosophie anlehnen und die als heuristisch bezeichnet werden können, denn sie versuchen begrenztes Wissen so zu organisieren, dass sich daraus erfolgreiche therapeutische Strategien ableiten lassen.

Die Schnittpunkte und Parallelen zwischen TCM und Biomedizin sind also überaus spärlich, und doch sind die Chinesische Medizin und die moderne Wissenschaft nicht unvereinbar. Eine Wurzel der Chinesischen Medizin liegt in der Beobachtung, sie beruft sich auf empirische Erkenntnisse und bleibt in vielen Bereichen wohltuend pragmatisch, immer daran interessiert, die einzelnen Praktiken auch in der Realität zu erproben. Im Zweifelsfall würde ein Arzt der Chinesischen Medizin sich wohl über alle auswendig gelernten Lehrsätze hinwegsetzen und eine Punktekombination oder ein Kräuterrezept anwenden, von dem er einfach aus Erfahrung weiß, dass es wirkt. Diese Nähe zur Erfahrung und damit auch zur evidenzbasierten Medizin ist es, die die TCM auch für moderne Köpfe interessant und zugänglich macht – solange Vorurteile oder Berührungsängste nicht überwiegen.

Die andere Wurzel der Chinesischen Medizin macht es naturwissenschaftlich orientierten Menschen nicht so leicht. Sie liegt in der Philosophie und den daraus entwickelten theoretischen Modellen, auf die die Chinesische Medizin sich seit den Zeiten des Huangdi Neijing beruft. Diese bisweilen stark vereinfachenden Erklärungsmodelle geben der unübersichtlichen Vielfalt der empirisch gesammelten Erkenntnisse eine innere Ordnung und Struktur. Für viele liegt die Faszination der Chinesischen Medizin gerade in diesem ihrem philosophischen Überbau, einer auf tröstliche Weise übersichtlichen Weltsicht, die so klar und rund und ganz und voller Weisheit ist wie das bekannte Yin-Yang-Symbol der beiden sich verfolgenden Fische. Und doch liegt in der sturen Berufung auf die klassischen Texte und Modelle auch das Risiko eines gewissen Stillstands. Dann nämlich, wenn der verifizierende Blick auf die Fakten verloren geht und sich stattdessen Wunschdenken durchsetzt; wenn die Zitate aus den Klassikern als Argumente dienen müssen, ja gar als Beweise, als unstrittige, nicht in Frage zu stellende Wahrheiten; wenn die Berufung auf sie einen beinahe religiösen Charakter annimmt und zur Glaubensfrage verkommt.

Empirie und Philosophie, zwischen diesen beiden Polen hat sich die Chinesische Medizin über viele Jahrhunderte entwickelt und steht damit in einem Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Sie ist im Lauf ihrer Geschichte ihren Wurzeln treu geblieben und hat sich doch auch immer wieder neu in Frage gestellt. Aus diesem Zusammenspiel von alt und neu, von Sinn und Zweck, Ordnung und Dynamik schöpft die Chinesische Medizin ihre Kraft und Vitalität.

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2 Responses

  1. Margarethe sagt:

    Wie immer sehr informativ und ein sprachlicher Genuss.
    lg
    margarethe

  2. Karin sagt:

    Danke Margarethe für deine Treue 🙂
    LG Karin

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