Well-aging

Tipps aus der TCM für die zweite Lebenshälfte

Das Leben nähren

Sobald noch vor dem Morgengrauen die Parktore öffnen, beleben sich die grünen Inseln in Chinas Millionenstädten zwischen endlosen Wohnsilos und vielspurigen Stadtautobahnen rasch mit einem bunten Volk von gesundheitsbegeisterten Anrainern. Alte Frauen tanzen Walzer zur Musik aus knarzenden Lautsprechern, Studenten joggen während sie laut Englisch-Vokabeln wiederholen und vereinzelt stehen Männer wie Statuen unter den Bäumen, versunken in die Übungen des statischen Qigong.

Gesundheitspflege – auf Chinesisch 养生, yang sheng, also wörtlich übersetzt „das Leben nähren“ – hat in China einen hohen Stellenwert und gehört für viele Menschen vor allem der älteren Generationen zum Alltag, wie bei uns das Zähneputzen. Besonders das well-aging, das gute Altern also, liegt den Chinesen seit jeher sehr am Herzen, in einem Land, in dem das Alter auch heute noch für Autorität, Weisheit und Würde steht. Man könnte sogar sagen, dass die Suche nach der Langlebigkeit den eigentlichen Kern der Traditionellen Chinesischen Medizin ausmacht. Über mehr als zwei Jahrtausende haben unzählige Mönche, Meister und Ärzte den Schlüssel zur Langlebigkeit gesucht. Viel haben sie gefunden, was uns heute zu Hilfe kommt.

Die Bemühungen, gut zu altern und so lange wie möglich fit und vital zu bleiben, erschöpfen sich nach chinesischer Auffassung nicht in der Behandlung von Krankheiten. Vielmehr ist ein vitales Altern von einem gesunden Lebensstil abhängig, in dem eine gesunde Ernährung, körperliche Bewegung, ein ausgeglichenes Gefühlsleben und ein harmonisches Zusammenspiel mit den Rhythmen der Natur die vier wichtigsten Pfeiler darstellen. Diese Arbeit an unserer Gesundheit kann uns kein Arzt abnehmen. Die Früchte, die sie trägt, sind unbezahlbar.

 

Wann beginnt das Altern?

Nach dem Inneren Klassiker des Gelben Kaisers aus dem 1. vorchristlichen Jahrtausend erleben Frauen mit ungefähr 28 Jahren ihre Blütezeit, Männer etwas später mit 32. Bei beiden beginnt mit 35 beziehungsweise 40 Jahren, also in der Mitte des Lebens, der langsame Abbau. Natürlich sind Beginn und Verlauf des Alterns sehr individuell, dennoch  spüren viele Menschen mit 35, 40, vielleicht auch 45 Jahren tatsächlich einen gewissen Umbruch. Hat man vorher auf Kredit gelebt, so beginnt man nun für größere Sünden sofort zu bezahlen. Eine Erkrankung, eine durchgemachte Nacht, eine besonders arbeitsintensive Woche… was man in jungen Jahren noch locker weggesteckt hat, jetzt hängt es länger nach.  Der Zeitpunkt, an dem diese ersten Schwächen spürbar werden, ist ideal, um sich Gedanken über den eigenen Lebensstil zu machen. Ab diesem Zeitpunkt nämlich hängt die Lebensqualität immer stärker unmittelbar vom eigenen Gesundheitsmanagement ab.

 

Werde Feinschmecker!

Die Ernährung belegt, was die Gesundheit betrifft, in der zweiten Lebenshälfte einen zentralen Platz. Nach der Chinesischen Medizin wird die Verdauung mit zunehmendem Alter schwächer, die Fähigkeit des Körpers, Nahrungsmittel umzuwandeln, nimmt ab. Viele Menschen spüren diese Schwäche vor allem abends, also dann, wenn die Verdauungsorgane im Tagesverlauf ihr energetisches Tief durchlaufen und die Speisen deshalb besonders leicht und bekömmlich sein sollten. Gerade weil die Verdauungsfunktion nachlässt und die Nährstoffaufnahme schwieriger wird, ist es im Alter wichtig, kleinere Mengen Nahrung zu konsumieren und damit dennoch alle nötigen Nährstoffe aufzunehmen. Leere Kalorien wie raffiniertes Mehl oder weißer Zucker, Fertiggerichte und Junk-Food sollten spätestens jetzt selbst zubereiteten Speisen aus hochwertigen Nahrungsmitteln weichen. Die chinesische Tradition empfiehlt eine einfache und natürliche Ernährung im Einklang mit den Jahreszeiten, schlichte Rezepte, natürliche und ausgeglichene Geschmäcker und vor allem: nur die besten und frischesten Zutaten.

Essen mit Hausverstand

Die Informationen darüber, wie eine gesunde Ernährung im Einzelnen aussehen sollte, sind heute leider ebenso zahlreich wie widersprüchlich. Vitamine, Kalzium, Omega-3-Fettsäuren, Polyphenole, Radikalfänger…. Man fühlt sich leicht verunsichert von so viel Biochemie auf unseren Tellern. In Wirklichkeit kann auf dieses theoretische Beiwerk weitgehend verzichten, wer  sich an die Nahrungsmittel hält, die in der TCM seit Jahrtausenden als heilsam anerkannt sind und in einer ausgewogenen Ernährung tatsächlich alle nötigen Nährstoffe in ausreichenden Mengen liefern: volles Getreide und Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen, pflanzliche Öle, Sprossen und Keime, Pilze und natürlich viel Obst und Gemüse in allen Farben. Dazu als regelmäßige Ergänzung kleinere Mengen von Nahrungsmitteln tierischer Herkunft: Fleisch, Fisch oder Meeresfrüchte, sowie Eier und Milchprodukte. Wer frische und hochwertige Zutaten nach bewährten Rezepten zu einfachen, natürlichen Speisen verarbeitet, der kann nicht weit fehlen.

Eine sehr wichtige Aufgabe der Ernährung ist es außerdem, die Verdauung zu unterstützen. Deshalb sollten besonders im Alter öfters warme und gekochte Speisen gegessen werden und viele aromatische Kräuter und Gewürze zum Einsatz kommen, welche alle wohltuende Wirkungen auf das Verdauungssystem besitzen. Auch die chinesische Gewohnheit, über den Tag verteilt immer wieder warmes Wasser oder dünnen Grüntee zu trinken, ist eine Wohltat für den gesamten Organismus und insbesondere für die Verdauungsorgane.

Darüber hinaus gibt es nicht allzu viele allgemein gültige Ratschläge zur richtigen Ernährung, denn diese ist ebenso individuell, wie die gesundheitliche Verfassung jedes Einzelnen und sollte sich seinen Bedürfnissen anpassen. Wie man die Wahl von Nahrungsmitteln und Kochmethoden am jeweiligen inneren Gleichgewicht ausrichten kann, bleibt also Gegenstand einer individuellen Ernährungsberatung.

Nahrungsergänzungsmittel

Wer denkt, Nahrungsergänzungsmittel seien eine Erfindung der neueren Zeit, der irrt sich. In China ist diese Art der Gesundheitsvorsorge seit Jahrtausenden Gang und Gäbe. Seit jeher werden dort die alltäglichen Speisen durch besonders nähr- und vitalstoffreiche Zutaten veredelt oder ergänzt. Einige dieser natürlichen Nahrungsergänzungsmittel aus dem Reich der Mitte (je nach Verwendung könnten sie auch als Heilkräuter bezeichnet werden) haben es demnach auch zu Weltruhm geschafft. Ginseng, Gelée Royal, Bocksdornfrüchte (besser bekannt als Gouqi-Beeren), schwarzer Sesam, Astragalus und Vitalpilze, um nur die bekanntesten zu nennen, sind in chinesischen Apotheken ebenso verbreitet wie in chinesischen Küchen. Allein der weltweite Markt mit Ginseng übersteigt jährlich einen Wert von 2 Milliarden Dollar. Im Vergleich dazu fällt das Wissen über den richtigen Einsatz in den meisten Ländern der westlichen Welt meist noch relativ spärlich aus.

Manch übersteigerter Hoffnung zum Trotz handelt es sich sicherlich um keine Wundermittel, aber richtig eingesetzt hat jedes dieser Mittel ein gewisses Potential, Gesundheit und Vitalität auch ins hohe Alter hinein zu erhalten. Und im Unterschied zu vielen anderen Produkten auf dem riesigen Markt der Nahrungsergänzungsmittel gibt es im Umgang mit diesen natürlichen Mitteln jahrhundertelange Erfahrung, was mögliche Neben- und Langzeitwirkungen betrifft.

Dynamik

Ein weiteres Problem für die Gesundheit in fortgeschrittenem Alter ist der allgemeine Rückgang der inneren Dynamik des Organismus. Nach der Chinesischen Medizin ist es das Qi, die körpereigene Energie, welches alle Körperflüssigkeiten und auch das Blut bewegt und alle aktiven Prozesse unterstützt. Ab der Mitte des Lebens kommt es durch ein Nachlassen dieser Ressource leichter zu Stauungen, Blockaden oder Ansammlung von Schlacken. Umso wichtiger wird es nun, die innere Dynamik des Organismus durch regelmäßige körperliche Bewegung zu unterstützen.

Nach chinesischer Auffassung ist es dabei allerdings nicht nötig und in den meisten Fällen auch nicht angebracht, sich zu sehr anzustrengen. Kraftraubende und schweißtreibende sportliche Betätigung kostet den Körper viel von eben den Ressourcen, die im Alter sowieso schon spärlicher vorhanden sind: Qi und Blut. Viel besser ist es deshalb, sich die gesunde Wirkung der Bewegung zu sichern, ohne Gelenke und Kraftreserven zu stark zu beanspruchen. Dafür ist mehrmals wöchentlich eine halbe Stunde entspannte Bewegung an der frischen Luft leicht ausreichend. Dabei sollte man allerdings darauf achten, dass der gesamte Körper wohlig warm wird und man beginnt, leicht zu schwitzen: das ist ein verlässliches Zeichen dafür, dass das Qi in Bewegung geraten ist und die gewünschte gesundheitliche Wirkung eintritt.

Qigong ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie eine gesunde und angemessene körperliche Betätigung bis ins hohe Alter hinein aufrechterhalten bleiben kann. Einfache, meist entspannte Bewegungen werden hierbei mit natürlicher Bauchatmung verbunden, um so das Qi zu stärken und zu lenken. Was nach außen hin nicht sehr spektakulär aussieht, entpuppt sich als ein gesundheitlicher Rundumschlag. Die positiven Wirkungen regelmäßigen Übens sind inzwischen durch unzählige Studien belegt und so breit gefächert, dass es zu langwierig wäre, sie alle aufzuzählen. Vielmehr gibt es kaum einen Bereich der Gesundheit, in dem das Üben von Qigong nicht zu größerem Wohlbefinden führen kann.

Und eben dieses Wohlbefinden suchen die Chinesen, welche früh morgens in die öffentlichen Parks strömen.

 

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2 Responses

  1. Maria Kerschbaumer sagt:

    Hallo,

    finde diese Seiten sehr spannend und hätte eine konkrete Frage:
    Gibt es Tipps, die genauer auf die Wechseljahre bei Frauen eingehen?
    Dafür wäre ich sehr dankbar, liebe Grüße

    Maria Kerschbaumer, Bozen

  2. Karin sagt:

    Liebe Frau Kerschbaumer,
    danke für Ihr Interesse. Es gibt natürlich sehr viel, was man tun kann um besser durch die Wechseljahre zu kommen, sowohl in der Ernährung als auch mit chinesischen Kräutern und Nahrungsergänzungsmitteln. Ich werde gerne in einem der nächsten Artikel darauf Bezug nehmen, denn die Wechseljahre sind ein wichtiges Thema. Das kann allerdings noch etwas dauern, denn ich verschicke nur alle 2 Monate eine Newsletter mit neuen Artikeln.
    Außerdem geht die Chinesische Medizin sehr stark auf den einzelnen Menschen ein und allgemein gehaltene Ratschläge können meist nur einen kleinen Teil davon abdecken, was an Ratschlägen möglich wäre. Die Probleme, mit denen es Frauen in den Wechseljahren zu tun haben, können sich von Person zu Person relativ stark unterscheiden. Wirklich in die Tiefe gehen kann man daher nur im Rahmen einer individuellen Ernährungsberatung.

    Mit freundlichen Grüßen
    Karin Wallnöfer

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