Yin und Yang

Wasser-FeuerYin und Yang in der Philosophie

Yin und Yang sind das Fundament, auf das die gesamte chinesische Naturphilosophie und mit ihr die Chinesische Medizin aufbauen. Zunächst ein Hinweis zur Schreibung: die beiden Wörter werden manchmal klein und andere Male groß geschrieben. Sowohl in der Philosophie als auch in der Chinesischen Medizin werden yin und yang nämlich manchmal als Adjektive eingesetzt und andere Male als Substantive. Es kann also einmal heißen “Blut ist stärker yin als Qi” (Wie ist es?) und ein anderes Mal “Das Yin ist zu schwach” (Was ist schwach?).

In der Philosophie beschreiben die Begriffe Yin und Yang keine jeweils einzelnen Objekte, Kräfte oder Eigenschaften, sondern vielmehr Paare von einander mehr oder weniger entgegengesetzten Tendenzen, Kräften oder Eigenschaften, durch deren Verhältnis zueinander eine bestimmte Dynamik entsteht. Eine solche Dynamik zwischen Yin und Yang lässt sich in vielen Naturphänomenen beobachten, sowohl in der unbelebten Natur, als auch in der belebten: Licht und Schatten, Tag und Nacht, Expansion und Konzentration, Aktivität und Ruhe … und die Liste könnte noch lange so fortgeführt werden.

Auf der Suche nach einem konkreten Bedeutungspaar für Yin und Yang kommen uns die chinesischen Schriftzeichen zu Hilfe: 阴 (yin) und 阳 (yang). Die beiden enthalten auf der linken Seite das Zeichen für „Hügel“, während die rechte Hälfte im Schriftzeichen yin vom Mond und im Schriftzeichen yang von der Sonne gebildet wird. Gemeint sind damit die Schatten- und Sonnenseite eines Hügels und davon abgeleitet die Eigenschaften verborgen, dunkel, kühl und feucht für Yin und offen, hell, warm und trocken für Yang. Ein weiteres starkes und seit dem Altertum immer wieder verwendetes Symbol für Yin und Yang sind Wasser und Feuer. Das Wasser steht hier für das Yin: es tendiert nach unten, kühlt, befeuchtet und ist relativ träge. Das Feuer hingegen repräsentiert das Yang: es strebt nach oben, wärmt, trocknet und ist aktiv.

Das Verwirrende für uns ist dabei, dass Yin und Yang niemals irgendwelche konkreten Eigenschaften oder Kräfte bezeichnen, sondern immer nur die Dynamik, welche sich zwischen zwei Eigenschaften oder Kräften entwickelt. Denken wir zum Beispiel an das Paar Wasser-Feuer. Es stimmt: das Feuer ist im Vergleich zum Wasser eindeutig Yang und das Wasser kann in diesem Kontext nur als Yin bezeichnet werden. Betrachten wir nun aber das Wasser im Vergleich zum Eis, so wird, was eben noch Yin war, eindeutig Yang: das Wasser kann das Eis schmelzen, es ist beweglicher und wärmer als letzteres.

Es gibt also nichts, was für sich genommen Yin oder Yang ist, auch nicht im menschlichen Körper: der Brustkorb ist Yang im Bezug zum Bauch, aber Yin im Bezug zum Kopf; die Vorderseite des Brustkorbs ist Yin im Bezug zum Rücken und Yang im Bezug zu den inneren Organen, die sich dahinter verbergen. Wir haben also in der Theorie von Yin und Yang die beiden Prinzipien wiedergefunden, die die gesamte chinesische Philosophie und Medizin durchziehen: Relation und Dynamik.

 

Yin und Yang in der Chinesischen Medizin

Soweit die Philosophie. In der Chinesischen Medizin haben Yin und Yang darüber hinaus eine sehr viel konkretere Bedeutung. Der Organismus als Ganzes, jedes Organ und jede einzelne Zelle können in zwei unterschiedliche Richtungen tendieren: zum einen kann eine stärkere Verinnerlichung und/oder Verlangsamung der Aktivitäten stattfinden, wobei vermehrt speichernde, befeuchtende, nährende und substanzbildende Prozesse ablaufen. Diese Tendenz entspricht nach der TCM dem Yin, setzt sich im Organismus während der Nachtstunden durch und ist auch im Winter stärker spürbar. Zum anderen können sich die Aktivitäten mehr nach außen hin verlagern und schneller ablaufen, wobei vermehrt bewegende, Energie verbrauchende und transformierende sowie wärmende Prozesse ablaufen. Diese zweite Tendenz entspricht dem Yang, charakterisiert die Tagesstunden und verstärkt sich im Sommer.

Das Yang eines Funktionskreises meint dessen Fähigkeit, aktive Funktionen auszuführen, also Energie (Qi) in Wärme, Dynamik und Aktivität umzusetzen. Das Yin eines einzelnen Funktionskreises beschreibt hingegen seine Fähigkeit, die Aktivität zu bremsen oder nach innen zu lenken und sich dadurch in seiner Substanz zu erneuern oder zu erhalten. Ein recht klares Beispiel ist der Funktionskreis Magen: das Yang bestimmt über die Produktion von aktiven Magensäften (allen voran Magensäure) und eine effektive Peristaltik; das Yin ist notwendig, um die Säfte ausreichend zu verdünnen, den Magen zwischen zwei Mahlzeiten zur Ruhe kommen zu lassen und die Magenschleimhaut vor der Säure zu schützen.

Die Kraft und die Fähigkeit diese Richtungen einzuschlagen verdankt der Organismus seinem Yin und seinem Yang (in diesem Fall Substantive), zwei Ressourcen, über die er von Geburt an verfügt. Im Unterschied zu Qi, Blut und Körperflüssigkeiten, die ständig verbraucht und wieder aufgefüllt werden, hängen Yin und Yang enger mit den vorgeburtlichen Ressourcen zusammen: sie wurzeln wie diese im Funktionskreis Niere, verlieren während dem Altern an Kraft und können, sind sie einmal geschwächt, nicht so leicht und bisweilen auch nicht vollständig wieder aufgebaut werden. Mir scheint es deshalb korrekt, für Qi, Blut und Körpersäfte die Bezeichnung “substanzielle Ressourcen“ zu verwenden, während Yin und Yang als “energetische Ressourcen“ beschrieben werden können.

Das Beispiel der thermischen Regulierung kann uns das Gleichgewicht zwischen Yin und Yang recht gut veranschaulichen. Der gesunde menschliche Organismus ist dazu im Stande, seine Kerntemperatur weitgehend unabhängig von der Temperatur der Umgebung mehr oder weniger konstant zu halten. Dennoch gibt es beachtliche Unterschiede in der subjektiven Wahrnehmung der eigenen Körpertemperatur. Besonders in den Übergangszeiten sitzt nicht selten ärmelloses Shirt neben Pullover, Sandale neben Wollsocke. Diese Unterschiede haben mit dem Gleichgewicht zwischen Yin und Yang zu tun: ist das Yang stärker, so strömt das Qi und damit auch das Blut und die Wärme vermehrt an die Körperoberfläche, man hat das Gefühl von Wärme. Neigt sich das Gleichgewicht hingegen eher in Richtung Yin, so sammelt sich das Qi im Körperinneren, die Oberfläche kühlt aus und man hat eher das Gefühl von Kälte. Diese Wechsel sind nötig, um die Körpertemperatur auch in einer wärmeren oder kälteren Umgebung konstant zu erhalten. So erlaubt die wärme Körperoberfläche im Sommer in Kombination mit dem Schwitzen eine Kühlung, während das Zusammenziehen von Qi und Blut ins Körperinnere im Winter den Verlust von Wärme und Energie minimiert. Auf Grund dieser Unterschiede kann es passieren, dass wir bei derselben Raumtemperatur im Winter frösteln, während wir sie im Sommer als angenehm kühl wahrnehmen. Einen vergleichbaren Wechsel zwischen Yin und Yang gibt es auch im Tagesverlauf: nachts tendiert unser Körper zum Yin und kühlt aus, tagsüber stärker zum Yang und die Temperatur steigt etwas an.  Diese rhythmischen Schwankungen zwischen Yin und Yang liegen also in unserer Natur, die individuellen Abweichungen davon hängen mit dem jeweiligen inneren Gleichgewicht zusammen. Eine Person mit einem schwachen Yang befindet sich sozusagen das ganze Jahr über mehr oder weniger im “Winter-Modus”. Das Problem ist nicht, dass diese Person mit einem schwachen Yang prinzipiell über weniger Energie verfügt. Das Problem ist, dass ihr Organismus die zugeführten Kalorien nicht verbrennt, um Aktivität und Wärme zu steigern (das wäre die Yang-Lösung), sondern dass er so viel wie möglich spart und die Kalorien lieber in Form von Substanzen ansammelt (die Yin-Lösung).

Das Gleichgewicht zwischen Yin und Yang im Organismus ist dynamisch und komplex. Um dieses Zusammenspiel besser zu verstehen, können wir uns die Organisation eines Restaurants vor Augen halten. Die Yin-Aktivitäten finden statt, bevor die Gäste kommen: einkaufen, die Kühlschränke füllen, Gemüse putzen, Brühen einkochen, Desserts vorbereiten und die Tische decken. Die Yang-Aktivitäten hingegen beginnen mit dem Eintreffen der Gäste: die Türen öffnen sich, man begrüßt die Gäste und entkorkt die Weinflaschen, die Musik spielt und die Kerzen brennen. Wie in diesem Beispiel so können auch im gesunden Organismus Yin und Yang nur dann funktionieren, wenn sie sich in einem harmonischen Gleichgewicht befinden. Es handelt sich um ein kompliziertes, dynamisches Gleichgewicht, in welchem sich Yin- und Yang-Phasen abwechseln, überschneiden und gegenseitig bedingen. Ein gesunder Organismus verfügt über die Fähigkeit, sich durch das harmonische Zusammenspiel und den natürlichen Wechsel zwischen diesen beiden Kräften an die Herausforderungen des Lebens anzupassen. Kommt es hingegen zu Ungleichgewichten, so folgen daraus früher oder später Störungen und Erkrankung.

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