Zhuangzi

Zhuangzi ist der Name des zweiten bedeutenden Werks der daoistischen Schule. Das Werk stammt eindeutig nicht aus der Feder eines einzigen Autors, sondern kann mindestens 5 verschiedenen Autoren zugeordnet werden. Die wichtigsten Kapitel, die dem historischen Autor Zhuang Zhou (irgandwann zwischen 370-301 v.Chr.) zugeschrieben werden, sind die so genannten „Inneren Kapitel“, also Kapitel 1-7.

 

Zhuangzi stellt die menschliche Erkenntnis in Frage. Auch die tiefsten Einsichten in die Zusammenhänge des Kosmos werden mit Ironie und Humor präsentiert, und mit der Ahnung, dass jede Erkenntnis hinfällig ist, sobald der Betrachter seinen Standpunkt wechselt.

[…] Der Herr des Nordmeeres sagte: „Man kann mit dem Frosch auf dem Grund seines Brunnens nicht über den Ozean sprechen, denn er sitzt fest in seinem kleinen Reich. Man kann mit einer Sommermücke nicht über das Eis sprechen, denn sie ist auf ihre eigene Jahreszeit beschränkt. Man kann mit einem Intellektuellen voller verschrobener Ansichten nicht über das DAO sprechen, denn er ist ein Gefangener seiner eigenen Doktrinen. Nun hast du dich hinausgewagt über deine Gestade, um einen Blick zu werfen auf den großen Ozean, und hast deine eigene Ärmlichkeit erkannt: Deshalb kann man dir von der Großen Ordnung erzählen.

17, 1

 

[…] „Auf seiner Reise zum Südlichen Ozean schlägt der Peng für dreitausend Trizents mit den Flügeln auf das Wasser; dann steigt er auf einem Wirbelsturm empor zu einer Höhe von neunzigtausend Trizents und reist auf den Sturmwinden des Spätsommers.“
Dort werden jähe Windböen und Staubpartikel vom Atem der lebenden Wesen umhergeblasen. Ist Azur die wahre Farbe des Himmels? Oder ist das Firmament so weit entfernt, dass seine äußersten Grenzen nie erreicht werden? Wenn der Peng von oben auf den Himmel herabblickt, muss er für ihn aussehen wie für uns, wenn wir hinaufschauen. …
Eine Zikade und ein Täubchen lachten über den Peng und sagten: „Mit großem Flügelflattern fliegen wir auf und landen schon bald in einer Ulme oder im Rotholzgebüsch. Manchmal, wenn es uns nicht gelingt, fallen wir einfach zurück auf den Boden, und das war es dann schon. Wozu neunzigtausend Trizents aufsteigen, um gen Süden zu reisen?“

1, 1

 

Zhuangzi sucht eine Erkenntnis jenseits dieser beschränkten Realitäten. Sein Blick ruht auf der Gesamtheit des Kosmos mit seinem ewigen Wandel. Es ist die Suche nach einem ungebundenen, freien Blick auf die Welt, einem Blick, der es ihm erlaubt, „unbekümmert zu wandern“, im Leben gelassen zu bleiben. Das berühmteste Beispiel für den ewigen Wandel in der Welt der Dinge ist der Schmetterlingstraum.

Einst träumte Zhuang Zhou, er sei ein Schmetterling – ein Schmetterling, der glücklich und fröhlich umherflatterte. Er wusste nicht, dass er Zhuang Zhou war. Plötzlich erwachte er und war ganz handgreiflich Zhou. Nun wusste er nicht, ob er Zhou war, der geträumt hatte, ein Schmetterling zu sein, oder ein Schmetterling, der gerade träumte, Zhou zu sein. Es muss aber einen Unterschied zwischen Zhou und dem Schmetterling geben. Dies nennt man die Transformation der Dinge.

Kapitel 2, 14

 

Ob Zhuangzi oder Schmetterling, keiner von beiden ist im Besitz der Wahrheit. Jede Form ist nur eine zeitweilige Manifestation des dao, das in ewigem Wandel begriffen ist. Der Weise verzichtet auf eine solch begrenzte Perspektive; er erkennt das dao und folgt dessen Wandel.

Lückenbeißer fragte den Adelsspross: „Wisst Ihr, worin alle Dinge übereinstimmen?“
”Wie könnte ich das wissen?”
”Wisst Ihr, was Ihr nicht wisst?”
”Wie könnte ich das wissen?”
”Nun denn, ist es möglich, überhaupt irgendetwas zu wissen?”
”Wie könnte ich das wissen? Dennoch will ich versuchen, etwas darüber zu sagen. Wie soll ich wissen, ob das, was ich Wissen nenne, nicht tatsächlich Unwissenheit ist? Wie kann ich wissen, ob das, was ich Unwissenheit nenne, nicht tatsächlich Wissen ist? Lasst mich versuchen, Euch einige Fragen zu stellen. Wenn Menschen an einem feuchten Platz schlafen, bekommen sie ein schmerzendes Kreuz oder gar Lähmungserscheinungen. Aber würde es einer Schmerle ebenso ergehen? Wenn Menschen auf einem Baum weilen, dann erschauern sie vor Schwindelgefühl. Aber würde es einem Gibbon ebenso ergehen? Wer von diesen dreien weiß nun, welches der richtige Ort zum Wohnen ist? Menschen essen Fleisch, Rehe fressen Gras, Riesentausendfüßler finden Gefallen an Schlangen, Falken und Krähe schmecken Mäuse. Wer von diesen vieren weiß, welches das richtige Essen ist? […]
“Wenn Ihr“, fragte Lückenbeißer, „den Unterschied von Nutzen und Schaden nicht kennt, kennt der Höchste Mensch den Unterschied dann ebenfalls nicht?“
“Der Höchste Mensch ist vergeistigt“, sagte Adelsspross. „Setzte man die großen Moore in Brand, würde es ihm nicht heiß. Gefrören die Flüsse, würde es ihm nicht kalt. […] Da selbst Leben und Tod ihn nicht zu wandeln vermögen, wie viel weniger dann Nutzen und Schaden!”

2, 11

 

Hier entsteht das Bild eines Weisen, dessen Unsterblichkeit auf seiner Selbstvergessenheit beruht. Er befindet sich dort, wo es kein Leben und keinen Tod mehr gibt. Er vertritt den Standpunkt des dao. Der eigene Tod oder der eines geliebten Menschen ist für den Weisen nur eine weitere Verwandlung.

Meister Zhuangs Ehefrau war gestorben. Als Meister Hui zu ihm kam, um zu kondolieren. traf er Meister Zhuang an, wie der sich mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden räkelte, auf einer Schüssel den Takt schlug und dazu sang.
“Sie lebte mit Euch zusammen“, sagte Meister Hui, „zog Eure Kinder groß, wurde alt und starb. Es ist schon genug, dass ihr nicht um sie weint, aber ist es nicht ein bisschen viel, dass ihr auch noch auf einer Schüssel trommelt und singt?“
“Keineswegs“, sagte Meister Zhuang. „Als sie eben erst gestorben war, wie hätte ich da anders als jeder Mensch nicht traurig sein können? Aber dann besann ich mich auf ihren Ursprung und machte mir klar, dass sie im Grunde ungeboren war. Nicht nur, dass sie im Grunde ungeboren war, im Grunde hatte sie keine Form. Nicht nur hatte sie keine Form, sie besaß im Grunde keinen Lebensatem. In der Mischung des Vagen und Verschwommenen kam es zu einer Transformation, und plötzlich war da Lebensatem; der Lebensatem wurde transformiert, und plötzlich war da Form; die Form wurde transformiert und plötzlich war da Geburt. Nun ist es zu einer weiteren Transformation gekommen, und sie ist tot. das ist wie die Abfolge der vier Jahreszeiten – vom Frühling zum Herbst, vom Winter zum Sommer. Da schläft sie nun selig in einer gewaltigen Kammer. Würde ich sie verfolgen mit Weinen und Wehklagen, so dachte ich mir, dann hieße das die Bestimmung nicht verstehen – also ließ ich es sein.“

18, 2

 

Es gibt also wahrhaftige Erfahrung, aber es ist eine mystische Erfahrung, die sich nicht in Worte fassen lässt: die Erfahrung der Freiheit von der Welt und gleichzeitig der Einheit mit ihr. Diese intuitive Erfahrung erschließt sich dem Weisen durch meditative Praktiken, die Zhuangzi in der folgenden Passage beschreibt.

[…] „Darf ich fragen, was das Fasten des Geistes ist?“, fragte Hui.
“Bewahre die Einheit deines Willens“; sagte Konfutse, „und höre nicht mit deinen Ohren, sondern mit deinem Geist. Höre nicht mit deinem Geist, sondern mit deinem ursprünglichen Atem [Qi]. Die Ohren können nicht mehr als hören, die Geisteskräfte können nicht mehr als berechnen, Der ursprüngliche Atem jedoch wartet leer auf die Dinge. Nur durch das Dao kann man Leere ansammeln, und Leere ist das Fasten des Geistes.“
“Bevor es mir gelingt, das Fasten des Geistes auszuüben“, sagte Yan Hui, „habe ich wirklich eine Identität. Später jedoch, wenn ich das Fasten des Geistes ausüben kann, werde ich keine Identität mehr haben. Kann man das Leere nennen?“
“Genau so ist es“, sagte Konfutse. […]

4, 1

 

Durch diese innere Leere, durch das Vergessen all dessen, was ihn umgibt, wird der Weise eins mit dem dao. Er gibt dabei auch das Selbst auf, er löst sich von seinem Standpunkt und überwindet seine eingeschränkte Sicht auf die Dinge, verzichtet auf jeden persönlichen Vorteil und macht keinen Unterschied mehr zwischen sich selbst und den anderen. Er wird erleuchtet und vereint sich mit dem dao. Dadurch gelingt ihm alles und es kann ihm nichts passieren.

Zhuangzi nennt diesen vollendeten Menschen den wahren Menschen zhenren.

[…] Ein guter Schwimmer lernt schnell, weil er das Wasser vergessen kann.“ […]

19, 3

 

[…] Fällt ein Betrunkener von einem Wagen, dann bringt ihn das nicht um, auch wenn der Wagen schnell fährt. Er hat dieselben Knochen und Gelenke wie  andere Menschen, wird aber nicht auf dieselbe Weise verwundet. Das liegt daran, dass sein Geist ganz ist. Er weiß nicht, wie er in den Wagen gekommen ist, und ist sich nicht bewusst, vom Wagen zu fallen. Leben und Tod, Erschrecken und Angst kommen ihm nicht in den Sinn. Deshalb begegnet er den Dingen ohne Befürchtungen. Ist jemand, der seine Ganzheit dem Wein verdankt, schon derart gewappnet, wie viel mehr wohl jemand, der seine Ganzheit dem Himmel verdankt! Der Weise ist geborgen in seinen himmlischen Eigenschaften, deshalb kann er durch nichts verletzt werden. …“

19, 2

 

Ein Koch zerteilte einen Ochsen für den Fürsten Wen Hui.
Wo immer
seine Hand zupackte,
seine Schulter sich anlehnte,
sein Fuß hintrat,
sein Knie anstieß,
da fiel das Fleisch mit einem zischenden Laut. Ritsch und Ratsch, jeder Streich seines Hackmessers war völlig im Einklang. Er tanzte im Rhythmus von „Der Maulbeerbaumhain“, bewegte sich im Einklang mit der Melodie des „Jingshou“.
“Ah, welch ein Anblick“, sagte der Fürst Wen Hui, „dass Können solche Meisterschaft erreichen kann!“
Der Koch legte sein Hackmesser nieder und antwortete. „Was Euer Diener liebt, ist das Dao, das bloßes Können überschreitet. Als ich Ochsen zu zerlegen begann, sah ich zuerst nichts als den ganzen Ochsen. Nach drei Jahren sah ich keinen unzerteilten Ochsen mehr. Heute nähere ich mich dem Ochsen mit meinem Geist, statt ihn mit den Augen anzusehen. Die Wahrnehmung meiner Sinne hört auf, und mein Geiste fließt, wie es ihm gefällt. Ich passe mich der natürlichen Maserung an, schneide dort, wo schon große Spalten sind, führe die Klinge durch die großen Höhlungen. Indem ich der ihm eigenen Struktur folge, stoße ich niemals auf das kleinste Hindernis, nicht einmal dort, wo die Blutgefäße sich häufen, wo Bänder und sehnen zusammentreffen, und selbst die großen Knochen hindern mich nicht. Ein guter Koch wechselt einmal im Jahr sein Hackmesser, weil er damit schneidet. Ein schlechter Koch wechselt sein Hackmesser jeden Monat, weil er damit hackt. Nun benutze ich mein Hackmesser schon seit neunzehn Jahren und habe Tausende von Ochsen damit zerlegt, aber die Klinge ist noch so scharf, als käme sie gerade vom Schleifstein. In den Gelenken gibt es Zwischenräume, und die Schneide des Messers hat keine Dicke. Wenn ich aber etwas, das keine Dicke hat, in einen offenen Raum einführe, dann gibt es sicherlich genügend Spiel für die Klinge. Darum ist meine Klinge heute noch so scharf, als käme sie gerade vom Schleifstein. Dessen ungeachtet: Komme ich an eine schwierige Stelle, von der ich sehe, dass sie Probleme bereiten könnte, dann nehme ich mich vorsichtig in Acht, konzentriere mich und verlangsame meine Bewegung. Und mit einer unmerklichen Bewegung des Hackmessers ist das Fleisch im Nu abgetrennt und fällt „Platsch!“ wie ein Klumpen Erdreich zu Boden. Da stehe ich, das Hackmesser in der Hand, und sehe mich zufrieden um; dann wische ich das Messer sauber und verstaue es.“
“Wunderbar!“, sagte der Fürst Wen Hui. „Die Worte eines Kochs haben mich gelehrt, wie man das Leben nähren muss.“

Kapitel 3, 2

 

Das Leben, des Zhuangzi anstrebt, ist das eines freien und ungebundenen Mystikers. Damit verträgt sich kein ehrgeiziges Streben nach Macht und Stellung. Viele Geschichten im Zhuangzi handeln vom Verzicht auf Erfolg und Ansehen und von der inneren Freiheit, die dadurch möglich wird. Wer für andere unnütz ist, darf seine eigenen Ziele unbekümmert verfolgen.

Meister Buntgescheckt von Südungefähr machte einen Ausflug zum Hügelchen von Shang. Dort sah er einen ungewöhnlichen Baum, der war so groß, dass eintausend vierspännige Kutschen von seinen Blättern überschattet werden konnten.
“Meine Güte, was ist den das für ein Baum?“, fragte Meister Buntgescheckt. „Er  muss ja ungewöhnliches Bauholz haben.“ Als er jedoch hinaufblickte zu den kleineren Ästen, sah er, dass sie ganz krumm und ungeeignet für Balken waren. Als er nach unten auf den massiven Stamm sah, bemerkte er, dass er so knorrig war, dass man keine Särge daraus machen konnte. Leckte man an einem seiner Blätter, bekam man eitrige Blasen im Mund. Roch man an seinem Laub, fiel man in ein berauschtes Delirium, das drei Tage andauerte.
“Dieser Baum ist wahrlich wertlos“, sagte Meister Buntgescheckt, „und deshalb konnte er so groß werden. Ah! der vergeistigte Mensch ist ebenso wertlos wie dieser Baum.“

4, 5

 

Meister Zhuang fischte einst am Pu-Fluss. Der König von Chu entsandte zwei hochrangige Beamte mit folgender Botschaft zu ihm: „Ich möchte Euch mit der Verwaltung meines Reiches beladen.“
Mit der Angelrute in der Hand sagte Meister Zhuang, ohne sich auch nur umzudrehen: „Ich habe gehört, dass es in Chu eine heilige Schildkröte gibt, die schon seit dreitausend Jahren tot ist. Der König verwahrt sie in seinem Ahnentempel in einem mit Tuch umwickelten Korb. Was glaubt Ihr wohl, wäre dieser Schildkröte lieber: dass sie tot ist und ihre Knochen als Objekt der Anbetung aufbewahrt werden, oder lebendig zu sein und ihren Schwanz durch den Schlamm zu ziehen?“
“Sie wäre sicher lieber lebendig und zöge ihren Schwanz durch den Schlamm“, sagten die beiden Beamten.
“Also fort mit Euch!“, sagte Meister Zhuang. „Ich will meinen Schwanz lieber weiter durch den Schlamm ziehen!“

17, 5

 

Einst sandte ein Herrscher Geschenke zu Meister Zhuang mit der Einladung, ein Amt unter ihm anzunehmen. Meister Zhuang antwortete dem Boten: „Habt ihr noch keinen Opferstier gesehen, mein Herr? Er wird in bunten Brokat gekleidet und mit Heu und frischen Kräutern gefüttert; doch kommt die Zeit, wo er in den großen Tempel geführt wird, dann mag er sich noch so sehr wünschen, er könnte wieder ein einsames Kalb sein – es wird dann nicht mehr möglich sein.“

32,13

 

Die Vorstellung von einer idealen Gesellschaft wird ähnlich beschrieben wie im Daodejing. Es ist ein Leben ohne viel Zivilisation und Technik, und ohne Moralvorstellungen. Der Mensch wäre natürlich und einfach wie ein „unbehauener Klotz“.

[…] Sie füllten sich den Mund mit Essen, waren glücklich und schlenderten mit prall gefüllten Bäuchen umher. Genau dazu und nicht zu mehr reichten die Fähigkeiten der Leute aus. Und dann kamen die Weisen daher, um die Umgangsformen von Allen unter dem Himmel mit ihren Verbeugungen und Kratzfüßen bei Riten und zur Musik zurechtzubiegen. Von oben herab stellten sie ihre Menschlichkeit und ihre Rechtschaffenheit zur Schau, um die Herzen Aller unter dem Himmel zu zähmen, doch in ihrem Verlangen nach Wissen begannen die Menschen sich abzurackern. Das endete damit, dass sie um des Profits willen miteinander wetteiferten – und von da an gab es kein Halten mehr. […]

9, 1

 

Der Herr des Südmeeres war Hastewas, der Herr des Nordmeeres war Kannste, und der Herr der Mitte war Ungestalt. Hastewas und Kannste trafen sich oft im Land von Ungestalt, und Ungestalt begegnete ihnen stets äußerst zuvorkommend. Hastewas und Kannste wollten Ungestalt seine Freundlichkeit entgelten und sagten sich: „Alle Leute haben sieben Löcher zum Sehen, Hören, Essen und Atmen. Ungestalt allein hat keins. Wir wollen ihm ein paar Löcher bohren.“ So bohrten sie jeden Tag ein Loch, und am siebten Tage starb Ungestalt.

7, 7

 

Wenn einer festgefahrene Meinungen hegt, sich viel auf sein eigenes Verhalten einbildet, die Welt hinter sich lässt und sich vom gemeinen Volk absetzt, sich in hochtrabenden Diskussionen ergeht und verächtlich auf andere herabsieht, so kündet all das nur von seiner Arroganz. […] Wenn einer Vorträge hält über Menschlichkeit, Rechtschaffenheit, Loyalität und Vertrauenswürdigkeit, wenn er ehrerbietig, bescheiden, respektvoll und nachgiebig ist, so zeigt all das nur, dass er die eigene Person kultiviert. […] Wenn einer daherredet von großem Verdienst und der Begründung großen Ruhms, davon, wie man die Riten für Herrscher und Untertanen befolgt und die Vorgesetzten und Untergebenen bessert, so zeigt all das nur, dass es ihm um das Regieren geht. […] Wenn einer sich in Sümpfe und Moore zurückzieht, in der einsamen Wildnis lebt und sich dem Fischen und einem müßige Leben hingibt, so zeigt all das nur, dass er das Nichthandeln pflegt. […] Wenn einer schnauft und den Atem reguliert, ein- und ausatmet, altes [Qi] ausstößt und frisches [Qi] einsaugt, schreitet wie ein Bär und sich streckt wie ein Vogel, so zeigt all das nur, dass er nach langem Leben strebt. […]
Brächte einer es fertig, erhaben zu sein, ohne festgefahrene Meinungen zu hegen, seine Person zu kultivieren, ohne sich auf Menschlichkeit und Rechtschaffenheit zu stützen, zu regieren, ohne Verdienst und Ruhm zu erwerben, in Muße zu leben, ohne sich an Flüsse und Seen zurückzuziehen, und lange zu leben, ohne die Energie zu kanalisieren und sich zu verrenken, so würde er alles vergessen und doch alles besitzen. Seine innere Stille wäre unbegrenzt, und doch würde ihm eine Fülle von vorzüglichen Eigenschaften auf dem Fuße folgen. Dies ist das Dao von Himmel und Erde, die Tugend des Weißen.

Kapitel 15, 1

 

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