Covid-19 und die TCM

Ich habe gestern irgendwo online einen Artikel überflogen, in dem eine Warnung lächerlich gemacht wird, nach der das Essen von Eis das Risiko vermehren soll, an Covid-19 zu erkranken. Weil ich mich darüber geärgert habe, schreibe ich nun diese Zeilen zu dem Thema. Aus der Sicht der TCM ist es nämlich sehr wahrscheinlich, dass Eisessen zur Zeit keine gute Idee ist. Warum?

Nach allem, was wir wissen, verhält sich das Virus SARS-CoV-2 sehr ähnlich wie andere Viren, die Erkältungen und die jährlich im Winter wiederkehrende Grippe verursachen. Schon die Tatsache, dass die Grippewellen mit Beginn der wärmeren Jahreszeit auslaufen, zeigt, dass diese Erkrankungen irgendwie von der Kälte profitieren. Bei einer Erkältung ist der Zusammenhang zur Kälte so eindeutig, dass er sich in vielen Sprachen im Namen niedergeschlagen hat: eine Erkältung, un raffreddore, a cold, un resfriado. Auch was das Virus SARS-CoV-2 betrifft, besteht die Hoffnung, dass wärmeres Wetter die Ausbreitung eindämmen und vielleicht sogar ganz aufhalten kann, wenigstens bis zum nächsten Herbst und Winter. Wenn wir zur Zeit (Anfang März 2020) die unterschiedlichen Fallzahlen in kalten und warmen Ländern vergleichen, muss diese Hoffnung durchaus als begründet gelten, denn warme Länder sind sehr viel weniger stark betroffen.

Nun wird das Abebben der Grippewelle mit beginnender Wärme oft dadurch begründet, dass das Virus unmittelbar durch die höheren Außentemperaturen abgetötet wird. Er überlebt also außerhalb des Körpers kürzer und wird daher nicht mehr so leicht übertragen. Als weiterer Grund wird oft angeführt, dass wir uns im Sommer mehr im Freien aufhalten und öfter lüften. Dies sind zutreffende, aber wohl keine ausreichenden Begründungen. Unser aller persönliche Erfahrung und die jahrhundertelange Erfahrung der TCM ist es, dass die Kälte unsere Abwehr gegen diese Viren zusätzlich schwächt. Wie können wir dies erklären?

Wenn der Körper äußerer Kälte ausgesetzt wird, nimmt die Durchblutung der Körperoberfläche ab. Der Körper sammelt die Wärme im Inneren und verhindert dadurch einen größeren Verlust durch Abstrahlung. Es ist nun sehr wahrscheinlich, dass bei dieser Reaktion nicht nur die Haut selbst, sondern auch die Schleimhäute im Bereich von Rachen und oberen Atemwegen weniger stark durchblutet werden. Dies wiederum führt unmittelbar zu einem verminderten Schutz gegen eventuell vorhandene Viren oder Bakterien. Und selbstverständlich haben wir dieselbe lokale Abkühlung auch beim Trinken von gekühlten Getränken oder beim Schlecken von Eis. In Folge der geschwächten Abwehr können sich auch jene Viren breitmachen, die uns mehr oder weniger immer umgeben, weshalb wir uns eventuell einen Schnupfen holen. Oder, falls die entsprechenden Viren vorhanden sind, bekommen wir eben eine Grippe oder Covid-19. Natürlich ist äußere Kälte nicht die einzige Ursache für eine verminderte Abwehr. Stress, Schlafmangel, das Fehlen von Vitaminen oder anderen Nährstoffen haben, wie wir alle auch aus Erfahrung wissen, eine vergleichbare Wirkung. Außerdem sind Grippeviren und das neue Coronavirus natürlich im Vergleich zu den Viren, die einen Schnupfen verursachen, sehr viel ansteckender. Aber es ist doch sehr wahrscheinlich, dass Kälte und ein dadurch gedrosseltes Abwehrsystem den Ausbruch der Erkrankungen noch einmal wahrscheinlicher machen. Wir wissen, dass nicht jeder an einer Grippe erkrankt und dass sehr viele auch bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 keine Symptome zeigen. Es gibt also durchaus einen Spielraum, in dem ein starkes Abwehrsystem uns schützen kann, und es ist sehr wahrscheinlich, dass Kälte hier eine negative Rolle spielt.

Die in dem eingangs genannten Artikel höhnisch dementierten Warnungen gehen genau in diese Richtung. Meines Wissens gibt es aus China Erfahrungsberichte, nach denen der Ausbruch von Covid-19 durch das Trinken von kalten Getränken und natürlich auch durch das Verzehren von Speiseeis wahrscheinlicher wird. Andererseits sollen sehr warme Getränke, eventuell auch nur sehr warm getrunkenes Wasser, den Ausbruch der Erkrankung manchmal verhindern oder verzögern können. Eine vergleichbar positive Wirkung habe es auch, sich der Sonne auszusetzen. Nun können wir bei letzterem an die bessere Versorgung mit Vitamin D denken, aber ich glaube, auch die unmittelbar wärmende und leicht schweißtreibende Wirkung der Sonnenstrahlen dürfte eine positive Wirkung haben.

Wie man in der TCM den Zusammenhang zwischen der Kälte und dem Erkranken erklärt, habe ich in einem Beitrag über das Abwehr-Qi bereits versucht darzustellen. Kurz zusammengefasst geht es in der TCM hierbei um das Abwehr-Qi, dessen Aktivität sowohl bei äußerer Kälte als auch bei jeder andersweitig bedingten Schwäche des Yang zurückgefahren wird. Dadurch werden dem Virus sozusagen die Tore geöffnet. Als Ursache für diese Art von Erkrankungen nennt die TCM Wind-Kälte, in manchen Fällen auch Wind-Hitze. Aktuelle Dokumente aus China beschreiben die erste Phase von Covid-19 in der Tat als eine solche äußere Wind-Erkrankung. Die Beschreibung der Symptome würde eher an Wind-Hitze denken lassen, aber manche der mir bekannten Quellen sprechen auch von Wind-Kälte.

Was ist der Unterschied zwischen diesen beiden? Beim Eindringen von Wind-Kälte kommt es anfangs zu einem stärkerem Auftreten von Kälte-Zeichen, also von nur leicht erhöhter Körpertemperatur, Frösteln mit starkem Kältegefühl, einem kratzenden aber noch nicht entzündeten Hals, einer rinnenden Nase mit wässrigem Sekret und – falls gehustet wird – reichlichem, farblosem und eher flüssigem Auswurf. Wichtig ist die Betonung auf “anfangs”, denn in der Folge entsteht bei vielen dieser Erkrankungen Hitze, wodurch die Anzeichen sich verändern. Auch der weitere Verlauf und die Komplikationen bei Covid-19 gehen ganz eindeutig in Richtung Hitze. Wir sprechen hier also wirklich nur von der ersten Phase. Beim Eindringen von Wind-Hitze dagegen gibt es von Beginn an klare Hitze-Zeichen: eindeutiges Fieber, Frösteln aber nur mit leichtem Kältegefühl, ein entzündeter und geröteter Hals, trockene Schleimhäute, und – falls gehustet wird – ein trockener Husten oder ein spärlicher, fester und gelblicher Auswurf. Wie gesagt entsprechen diese eher den bei Covid-19 beschriebenen anfänglichen Symptomen. Wichtig aber ist: der Mechanismus mit dem Abwehr-Qi bleibt in beiden Situationen derselbe, deshalb auch die empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen.

Was sich abhängig von Wind-Kälte oder Wind-Hitze ändert, sind allerdings auch die in der Anfangsphase empfohlenen Kräuterrezepturen oder Hausmittel. Erstere sollten von einem TCM-Arzt verschrieben werden. Was die Hausmittel betrifft, können wir bei Wind-Kälte Ingwer empfehlen, während bei einer Wind-Hitze zum Beispiel die Blüte des japanischen Geißblattes in Frage kommt, auf Chinesisch jinyinhua 金银花 genannt. Mit beiden lassen sich wohlschmeckende und alltagstaugliche Tees oder Abkochungen bereiten. Die Tendenz zu Hitze und Yin-Mangel im Funktionskreis Lunge erhöht neben einer Schwäche des Abwehr-Qi das Risiko, an einem schweren Verlauf von Covid-19 zu erkranken, das lässt sich an den besonderen Risikogruppen erkennen. Auch aus diesem Grund ist ein Tee aus japanischem Geißblatt sicher ein geeignetes Getränk zur Prävention.

Zum Abschluss möchte ich noch kurz von meinem diesjährigen Kampf gegen die Grippe erzählen. Ein Fall macht noch keine Statistik, aber ich persönlich habe etwas daraus gelernt. Ich hatte Anfang Februar meinen Sohn mit Grippe zuhause und wusste, dass ich sehr vorsichtig sein musste, um nicht selbst zu erkranken. Diese Vorsichtsmaßnahmen beinhalten ausreichend Schlaf, warm anziehen und nichts Kaltes essen oder trinken, außerdem ab und zu ein wenig Astragalus. Ich muss dazu sagen, dass ich schon sehr, sehr lange keine Grippe mehr gehabt hatte. An einem Abend nun besuchte ich ein Konzert, das in einer ungeheizten Kirche stattfand. Das mit der Kirche hatte ich vollkommen ausgeblendet und mich in Erwartung eines warmen Konzertsaales nicht sehr warm angezogen. Schon nach 10 Minuten in der Kirche spürte ich, dass das wohl nicht gut ausgehen würde, musste aber trotzdem bis zum Schluss des Konzertes abwarten. Daheim angekommen hatte ich bereits die ersten Symptome der nahenden Grippe: mir war eiskalt und ich konnte mich trotz einer heißen Dusche und mehrerer Decken nicht wärmen. Bald kamen ein starkes Krankheitsgefühl, ein Kratzen im Hals und eine zugeschwollene Nase dazu. Auch ein fertig abgepackter Ingwertee konnte nicht helfen. Irgendwann kurz vor Mitternacht raffte ich mich auf und bereitete mir eine starke Ingwer-Abkochung zu: ein daumengroßes Stück Ingwer in Scheiben geschnitten, in einer halben Tasse Wasser 5 Minuten lang gekocht und mit zwei Esslöffeln Vollrohzucker gesüßt. Das brennt runter bis in den Magen! Nach gefühlten fünf Minuten ging die Nase auf, der Hals beruhigte sich und nach etwa einer halben Stunde wurde mir endlich wieder warm. Die Grippe war weg und ist bis heute nicht wiedergekommen. Allerdings habe ich den Ingwer-Dekokt mit einem wirklich sehr heftigen Kopfweh bezahlt (auch dies eigentlich sehr selten bei mir, obwohl nach der TCM durchaus meiner konstitutionellen Neigung zu einem aufsteigenden Yang entsprechend). Den nächsten Tag lag ich also mit quälenden Kopfschmerzen im Bett, am zweiten Tag aber war ich vorsichtig wieder bei der Arbeit und nach zwei weiteren Tagen wieder voll im Einsatz.

Auch auf Grund dieser Erfahrung liegen bei mir Ingwer und Geißblatt in diesen Tagen und Wochen griffbereit in der Schublade. Und bitte: das bedeutet nicht, dass ich deshalb die schulmedizinisch begründeten Vorsichtsmaßnahmen nicht beachte. Ich fahre eben mit Gurt UND Airbag UND Abstand UND lege notfalls eine Vollbremsung ein.

12 Kommentare zu „Covid-19 und die TCM“

  1. Hemma Holzer

    Wie immer, liebe Karin, klar und deutlich, verständlich und die perfekte Einladung zur Umsetzung.

    Herzlichen Dank und liebe Grüße
    Hemma

  2. Herzlichen Dank für deine Anweisungen bezüglich des Corona Virus, die mir in Verbindung mit täglichem Chi Gong sicher etwas vom Besten sind was man vorbeugend und auch bei ersten Anzeichen dagegen tun kann. Natürlich sollte man auch die von den Gesundheits Behörden empfohlenen Maßnahmen nicht auf die leichte Schulter nehmen.
    Danke ich warte schon auf deine nächsten Anregungen.
    Franz Alois Innerhofer

    1. KARIN WALLNOEFER

      Oh ja, Qigong ist ja auch wunderbar, um die Abwehr zu stärken! Also weiter so 🙂
      Liebe Grüße
      Karin

  3. Danke liebe Karin und super Lehrerin in der TCM für diesen ausführlichen lehrreichen Beitrag. Bin ganz deiner Meinung. Liebe Grüße von Karin aus dem Pustertal

  4. Maria Dräger

    Hallo Karin, danke für die klare und einleuchtende Darstellung. – Ich würde mich freuen über eine Info, in welcher Form und Dosierung sich Astralagus für eine vorbeugende Einnahme eignet…. Maria

    1. KARIN WALLNOEFER

      Hallo Maria, es gibt jede Menge fertige Präparate, die du im Internet oder in einer Apotheke findest. Da ist die Dosierung meist angegeben. Wenn du die getrocknete Wurzel verwendest, zum Beispiel in einer Suppe oder zum Kochen von Getreide, dann würde ich zur Prävention 10 bis maximal 20 g empfehlen. Astragalus ist aber recht unkompliziert (Ginseng ist viel schwieriger zu verwenden) und in den chinesischen Rezepten gibt es zum Teil auch höhere Tagesmengen. In diesem Artikel über Astragalus in der Heilküche habe ich ein paar Rezepte beschrieben.
      Liebe Grüße
      Karin

  5. Agni Petra Lieske

    Vielen Dank für diesen guten Artikel!
    Ähnlich aufgebracht war ich gestern, als im Radio die Empfehlung, Suppe zu essen verlacht wurde.
    Herzliche Grüße aus Berlin von Agni 🔥

    1. KARIN WALLNOEFER

      Liebe Agni, es ist schon recht schlimm, keinen Hausverstand zu besitzen. Noch schlimmer aber ist es, sich über die lustig zu machen, die sich einen Rest davon bewahrt haben!
      Liebe Grüße zurück aus dem Sperrgebiet 😉
      Karin

  6. Pingback: Coronavirus und Prävention - Stimmen aus China - Gesundheit auf Chinesisch

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