Was ist eigentlich Stress?

Der Begriff Stress ist ebenso allgegenwärtig wie ungenau. Wir wissen immer besser Bescheid über den immensen gesundheitlichen Schaden, den Stress verursacht, aber – das jedenfalls ist mein persönlicher Eindruck – es ist durchaus nicht klar, welche Art von Stress ungesund ist, ab welchem Ausmaß und warum es bei den gesundheitlichen Folgen von Stress so viele unterschiedliche Facetten zu beobachten gibt. Ich habe mir in der letzten Zeit einige Texte zu diesem Thema angesehen und viele zentrale Fragen unbeantwortet gefunden. Stress kann die völlig überlastete Managerin ebenso treffen, wie die gemobbte Schülerin oder die frustrierte Arbeitslose. Für den einen bedeutet Stress, was dem anderen Freude bereitet: laute Musik, Hundegebell, spielende Kinder. Und eine körperliche Stressreaktion bringt den einen als Distress ins Krankenhaus, während ein anderer auf der Welle des Eustress einen sportlichen oder kreativen Höhenflug erlebt. Es lohnt sich also, die ganze Sache durch die Brille der TCM zu betrachten, auf der Suche nach mehr Klarheit.

Ich glaube, wir können bei dem, was allgemein als Stress bezeichnet wird, drei unterschiedliche Störungsmuster unterscheiden: eine Leber-Qi-Stagnation, die übermäßige Aktivierung des Yang bzw. die Entstehung von Hitze und eine Erschöpfung des Funktionskreises Niere (vor allem des Nieren-Yang). Ich werde im Folgenden versuchen, diese Muster und den Zusammenhang mit Stress kurz zu beschreiben.

Die Leber-Qi-Stagnation

Die Ursachen für eine Leber-Qi-Stagnation liegen zum größten Teil im Bereich der Psyche und der Emotionen. Die beste Umschreibung für diese Ursache ist Frustration. Wir alle werden bewegt von Tatendrang; wir streben danach, Räume zu finden und zu eröffnen für unsere  Pläne, unsere Handlungen, unser Leben. Für die TCM wird diese psychische Energie repräsentiert durch die Yang-Wurzel des Funktionskreises Leber. Die Leber wird beschrieben als ein General, welcher über die Strategien entscheidet, welcher die Truppen ausrichtet und auf dem Schlachtfeld anführt. Dieser martialische Vergleich zeigt uns, dass auch die Aggression sehr eng mit dem Funktionskreis Leber zusammenhängt. Eine Leber-Qi-Stagnation kommt nun dadurch zustande, dass dieser innerste Impuls, der Tatendrang des Generals, aufgehalten wird. Es ist dabei gleichgültig, ob es sich um ein inneres Hindernis handelt oder ein äußeres, ob mein intimes Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit oder Anerkennung frustriert wird, ob mein Projekt scheitert oder ob ich mit einem gebrochenen Bein im Krankenbett liege: immer dann, wenn meine Energie blockiert wird, entstehen innerer Druck und innere Anspannung.

Beispiele für Situationen, in denen es zu einer Leber-Qi-Stagnation kommt, gibt es unzählige und wir alle sind ihnen Tag für Tag ausgesetzt. Wenn ich gezwungen bin, zu lügen oder mich zu verstellen; wenn ich meinen Erwartungen oder denen anderer Menschen an mich nicht nachkommen kann; wenn man mir nichts zutraut und ich mich nicht gehört oder gesehen fühle; wenn ein Unglück, eine Erkrankung, eine erlittene Ungerechtigkeit meine Freiheit beschneiden; wenn ich mit Menschen oder in Situationen lebe, die mich ärgern… in all diesen Situationen wird eine psychische Energie blockiert, die eigentlich frei fließen sollte.

Die gesundheitlichen Folgen einer Leber-Qi-Stagnation sind zahlreich und betreffen sehr unterschiedliche Bereiche, so zum Beispiel Muskelverspannung, Rücken- oder Kopfschmerzen, Verdauungsstörungen, depressive Verstimmung, eine unregelmäßige oder schmerzhafte Menstruation. Vor allem aber können sich aus diesem weitere Störungsmuster entwickeln, deren Auswirkungen auf die Gesundheit noch sehr viel schwerwiegender sind, allen voran Hitze. Ganz allgemein können wir beobachten, dass vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter den negativen Folgen einer Leber-Qi-Stagnation leiden. Dies liegt daran, dass in der ersten Lebenshälfte das Yang der Leber, die Kraft des Generals also, meist sehr viel stärker ist als bei älteren Menschen. Dadurch entsteht bei einer Stagnation auch dementsprechend mehr innerer Druck. Auch als älterer Mensch kann man natürlich frustriert sein, aber der innere Druck, der dadurch entsteht, ist vergleichsweise gering.

Das Vorhandensein einer Leber-Qi-Stagnation ist unabhängig von einer klassischen Stressreaktion, also von der Aktivierung des sympathischen Nervensystems und der vermehrten Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol, mit welcher der Körper auf jede Art von Überforderung reagiert. Die Leber-Qi-Stagnation verbirgt sich hinter den negativen Auswirkungen auf die Gesundheit, welche auch die gemobbte Schülerin erfährt, der unerfüllte Pensionist, der Reservespieler, der sich nach wichtigeren Aufgaben sehnt. Der „Stress“ in diesen Situationen kommt nicht aus einer Überforderung, sondern allein aus der Frustration des inneren Generals. Was wir aber beobachten können ist, dass eine bereits bestehende Leber-Qi-Stagnation sich eindeutig verschlimmert, sobald es zudem zur Stressreaktion kommt. Dies hat aus der Sicht der TCM damit zu tun, dass es durch die Stressreaktion zu einer starken Aktivierung des Yang kommt, wodurch der durch die Qi-Stagnation bedingte innere Druck zunimmt.

Die Aktivierung des Yang

Die eben beschriebene körperliche Stressreaktion führt zu einer erhöhten Muskelspannung, einem Anstieg des Blutdrucks und des Blutzuckerspiegels, einer Beschleunigung von Atmung und Puls, einer erhöhten Wachheit und Aktivierung von Gehirn und Sinnesorganen. Für die TCM bedeutet all dies eine eindeutige Zunahme des Yang. Ausdruck des Yang sind die allgemeine Beschleunigung, die Zunahme des Qi durch mehr Sauerstoff und Blutzucker, die Verlagerung des energetischen Schwerpunktes nach oben durch die stärkere Aktivierung von Lunge, Herz, Gehirn und Sinnesorganen sowie das Herunterfahren von Verdauung und Sexualität. Vermehrt wird durch die Stressreaktion auch das Yang der Leber, wodurch die Truppen des Generals Zulauf erhalten. Wie gesagt, steigt dadurch im Falle einer Leber-Qi-Stagnation der innere Druck. Nun gibt es aber natürlich auch Situationen, in denen eine solche Stressreaktion stattfindet, ohne dass gleichzeitig das Leber-Qi stagniert. Dann kann die aktivierte Energie fließen und das durch den Stress vermehrte Yang wird ohne jede Blockade abgearbeitet. Wir sprechen von “Eustress”, besonders erfüllenden Momenten, in denen wir zu besonderen Leistungen fähig sind. Sportler, Abenteurer, Kreative und andere Macher setzen den Stress dazu ein, um in solchen Momenten durch das aktivierte Yang im flow mehr zu schaffen und mehr zu erreichen.

Passiert die Aktivierung des Yang zu oft oder hält sie zu lange an, so kann sie allerdings auch beim Eustress zu Ungleichgewichten führen. Die letzten beiden Störungsmuster finden wir in der Tat sowohl bei Eu- als auch bei Distress, denn sie sind direkt von der Stressreaktion abhängig. Das erste Muster, das anhaltenden Stress begleitet, ist schlicht ein Übermaß des Yang, in der TCM können wir auch von Hitze oder – in chronisch verschlimmerten Fällen – von Leere-Hitze sprechen. Dies wird sich in einer anhaltenden Beschleunigung von Puls und Atmung zeigen, vielleicht auch in Unregelmäßigkeiten der Herzfrequenz. Ebenso häufig sind eine Beschleunigung der Gedanken und des Sprechens, innere Unruhe, Schlafstörungen, Bluthochdruck, Ungeduld oder aufbrausender, nur schwer kontrollierbarer Ärger. Kommt es zu Hitze, so können auch entzündliche Erkrankungen folgen, sehr häufig gerade im Bereich der Verdauungsorgane. Allerdings würde ich aufgrund meiner Erfahrungen sagen, dass es bei Stress meist nur in Kombination mit einer Leber-Qi-Stagnation zur Entstehung von Hitze kommt. Solange das Leber-Qi beim Eustress frei fließen kann, halten sich die gesundheitlichen Folgen des übermäßigen Yang zumeist in Grenzen, weil das Yang ja abgearbeitet werden kann.

Erschöpfung des Funktionskreises Niere

Nun zum dritten und letzten Störungsmuster in dieser Liste. Es ist sozusagen die Rückseite der Medaille der Aktivierung des Yang. Das durch die Stressreaktion aktivierte Yang muss ja irgendwoher kommen, und dies ist nach der Chinesischen Medizin der Funktionskreis Niere, eine Art Speicher für diese Art von Reserve-Energie. Die aktivierte Nieren-Energie ist eine Art von Super-Treibstoff, der uns besondere Leistungen ermöglicht, ohne jede Trübung durch die Verdauung, ohne Unterbrechung durch Hunger oder Schlaf. Das Problem dabei ist, dass sich diese Super-Energie sehr viel langsamer regeneriert, als diejenige, auf die wir normalerweise zurückgreifen. Nach einem “normal” anstrengenden Tag wird der Organismus das verbrauchte Qi sehr bald wieder auffüllen. Einmal essen und schlafen sind meist ausreichend, um wieder zu Kräften zu kommen. Um die Nieren-Energie spürbar zu schwächen, braucht es sehr viel länger als einen Tag, wobei es hier individuell aufgrund von Konstitution und Alter sehr große Unterschiede geben kann. Ist aber die Nieren-Energie erst einmal geschwächt, so können wir uns von der dadurch entstandenen Erschöpfung (der Begriff Müdigkeit ist für diesen Zustand nicht mehr ausreichend) sehr viel schwerer, sehr viel langsamer erholen. Die TCM geht sogar davon aus, dass eine übermäßige Beanspruchung des Funktionskreises Niere bisweilen gar nicht mehr gut zu machen ist und letztlich unsere Alterung beschleunigt und unsere Lebenszeit verkürzt. Bei diesem Störungsmuster ist es also besonders wichtig, von vornherein regelmäßige Pausen und Regenerationsphasen einzuplanen, und dies gilt, wie bereits gesagt, auch für den Eustress. Typische Symptome dieses Ungleichgewichtes sind Erschöpfung und Antriebslosigkeit, Angststörungen, Schwäche und Schmerzen im unteren Rücken, Tinnitus, ein Hörsturz oder Störungen der Sexualität.

Was bringt es uns, diese Muster zu unterscheiden? Nun, für jedes einzelne dieser Muster gelten nach der Chinesischen Medizin sehr unterschiedliche Strategien in Prävention und Behandlung. Die Muster zu erkennen, erlaubt es uns, angemessen auf eine Situation zu reagieren. Bei einer Leber-Qi-Stagnation hat zum Beispiel körperliche Bewegung eine sehr positive Wirkung, während es eine Schwäche der Nieren-Energie verschlimmern kann, sich auch in der Freizeit dem Stress von Sport und Abenteuer auszusetzen. Ruhe und Entspannung sind dagegen eine sehr gute Strategie, um die Nieren-Energie zu unterstützen, während es bei übermäßigem Yang eine Zumutung erscheint, auch nur zehn Minuten ruhig zu sitzen. Tonika wie Ginseng sind bei einer Erschöpfung der Niere ein vielversprechendes Heilmittel, aber bei einer Leber-Qi-Stagnation können sie den inneren Druck auf unerträgliche Weise verstärken. In diesem Sinne erlaubt uns die Betrachtung durch die Brille der Chinesischen Medizin ein sehr viel deutlicheres Bild, als wenn wir uns nur auf die Überlegungen der konventionellen Medizin beschränken.


6 Kommentare zu „Was ist eigentlich Stress?“

  1. Einer der verständlichsten, nachvollziehbarsten und besten Artikel, die ich zum Thema je gelesen habe.
    Stress tiefer verstehen/erkennen zu können und Ideen zu bekommen, wo anzusetzen ist. Soo wertvoll!
    Ich bin zur Entspannungspädagogin ausgebildet und habe dennoch immer wieder die Grenzen der herkömmlichen Methoden bemerkt!
    Und – wie immer – bin ich zutiefst fasziniert von der Weisheit der TCM und wie schon so viele Male darf ich erkennen, dass es nicht die eine Standard-Lösung für alle gibt!
    Tausend Dank für diesen Artikel und die Wege die er andeutet und aufzeigt!

    1. KARIN WALLNOEFER

      Liebe Kirstin, danke für die Blumen :-). Es freut mich, wenn ich dich auf neue Ideen bringen konnte.
      LG Karin

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