Der Kaffee

Viel ist über den Kaffee bereits geschrieben und gestritten worden. Seit vielen Hunderten von Jahren gilt er für die einen als schlimmstes aller Übel und für die anderen als großes Heilmittel. Ich denke, die chinesische Medizin kann uns dabei helfen, ihn wie alle anderen Nahrungs- und Heilmittel irgendwo dazwischen einzuordnen. Denn nichts ist für jeden einzelnen Menschen gut oder schlecht. Es geht darum, die Wirkung eines jeden Nahrungs- und Heilmittels zu kennen, um es dann richtig einsetzen oder eben lieber vermeiden zu können.

Nach den Kriterien der chinesischen Medizin hat Kaffee eine wärmende, stimulierende sowie Qi- und Yang-tonisierende Wirkung. Er bewegt stagnierendes Leber-Qi, bewegt das Blut, leitet Feuchtigkeit aus, nicht zuletzt durch seine harntreibende Wirkung, und wirkt insgesamt trocknend. Die tonisierende Wirkung des Kaffees betrifft nach der TCM zum einen den Funktionskreis Herz, wo er den Herzschlag beschleunigt, den Kreislauf stützt und stimulierend auf den Geist (chin. shen) wirkt. Weitere tonisierende Wirkungen betreffen Milz- und Magen-Qi sowie die Funktionskreise Lunge und Dickdarm. Kaffee ist insgesamt eine gute Verdauungshilfe, denn er zerstreut Nahrungsstagnation, wirkt Verstopfung entgegen, wärmt, bewegt und bringt Bewegung auch in den Gallenfluss, was vor allem nach einem üppigen, fetten Mahl recht nützlich ist.

Um die Wirkungen – erwünschte wie unerwünschte – des Kaffees auch TCM-Laien nahezubringen, verwende ich gerne ein Bild. Stell dir vor, der menschliche Organismus ist ein Haus. Im Keller lagert Feuerholz: die Kraftreserven im Funktionskreis Niere. In der Küche wird auf einem Holzofen fleißig gekocht: das Verdauungsfeuer der Funktionskreise Magen und Milz. Und im Wohnzimmer wärmt ein Feuer im offenen Kamin die Gäste: die Aktivitäten des Funktionskreises Herz. Kaffee bringt unseren Organismus dazu, sowohl in der Küche als auch im Wohnzimmer ordentlich einzuheizen. Ist in diesen Räumen nicht genug Feuerholz vorhanden, so holt der Kaffee es aus dem Keller nach oben.

Mit Hilfe dieses Bildes lassen sich sehr leicht Vor- und Nachteile des Kaffee-Konsums erklären. Zum einen ist Kaffee prinzipiell immer dann nützlich, wenn Küche und Wohnzimmer nicht richtig warm werden, also bei einer „kalten“ Verdauung und einem trägen Darm, bei niederem Blutdruck, schlechter peripherer Durchblutung, Konzentrationsschwäche und Antriebslosigkeit. Nach der TCM entsprechen diese Probleme einer Qi- oder Yang-Schwäche der Funktionskreise Magen, Milz und Herz.

Zum anderen aber wird Kaffee immer dann problematisch, wenn es in Küche und Wohnzimmer bereits ungemütlich heiß oder trocken ist. Nach der TCM ist dies vor allem bei Magen- oder Herz-Feuer der Fall, oder bei einem Mangel an Magen- oder Herz-Yin, der zu leerer Hitze führt. Anzeichen dafür können im Fall des Magens eine Übersäuerung, brennende Schmerzen, Gastritis oder ein Magengeschwür sein, während eine „Überhitzung“ des Funktionskreises Herz zu innerer Unruhe, Überdrehtheit, Schlafstörungen oder Tachykardie führen kann. In diesen Fällen ist im Prinzip jede Tasse Kaffee eine Tasse zu viel. Sehr vorsichtig sollte man mit Kaffee außerdem bei Störungen sein, die mit Trockenheit und Blutmangel zu tun haben, da die trocknende und stark bewegende Wirkung des Kaffees auch diese verschlimmern kann.

Eine letzte, aber sehr wichtige Kontraindikation für einen übermäßigen Konsum von Kaffee ergibt sich aus dessen Wirkung auf den Funktionskreis Niere, also das Brennholzlager im Keller. Kaffee stimuliert das Yang mehr, als dass er es wirklich von der Wurzel her tonisiert. Er bringt den Organismus also dazu, das Yang hochzufahren, Kraft und Wärme zu mobilisieren, unabhängig davon, ob genügend Kraft und Wärme vorhanden sind. Bei einem Qi- und Yang-Mangel und vor allem dann, wenn der Kaffeekonsum nicht von einer ausreichend tonisierenden Ernährung und dem richtigen Lebenswandel begleitet wird, greift der Organismus notgedrungen auf seine Reserven zurück, um das Yang zu mehren: auf die vorgeburtlichen Ressourcen, die vom Funktionskreis Niere gespeichert werden. Wenn ich also morgens mit leerem Magen aus dem Haus gehe und meinen Unterzucker bis zum Mittagessen durch mehrere Tassen Kaffee überbrücke, wenn ich abends Überstunden einschiebe und mich mit Kaffee wachhalte, anstatt ins Bett zu gehen, dann zwinge ich meinen Organismus dazu, eine Grenze zu überschreiten. An dieser Grenze würde mir die Müdigkeit eigentlich nahelegen, anzuhalten und durch essen, rasten oder schlafen meine verbrauchten Kraftreserven wieder aufzufüllen. Der Kaffee trägt mich über diese Müdigkeitsgrenze (ebenso wie Stress, Anspannung oder Schlafmangel es tun können), aber er schafft es nur auf Kosten meiner Nieren-Energie. Wenn dieser Mechanismus zur Gewohnheit wird, so kann das Gefühl für die Grenzen der eigenen Kraft, der Kontakt zur eigenen Müdigkeit leicht ganz verloren gehen.

Unter diesem Gesichtspunkt ist Kaffee also ideal für Menschen, deren Qi oder Yang zwar stagnieren oder von Feuchtigkeit blockiert werden, aber ausreichend stark sind. Er kann außerdem sehr gut eingesetzt werden, um eine Qi und Yang tonisierende Ernährung zu ergänzen, um also sozusagen den Organismus dazu zu bringen, die Stärkung, die ihm angeboten wird, auch wirklich umzusetzen. Ein Desaster für die Gesundheit aber kann es sein, wenn eine vorhandene Leere mit Hilfe von Kaffee überspielt wird, anstatt sie aufzufüllen, vor allem dann, wenn die Leere bereits den Funktionskreis Niere erreicht hat. Wenn du also das Gefühl hast, ohne deinen täglichen Kaffee überhaupt nicht mehr auf Touren zu kommen, dann solltest du den Kaffee besser weglassen und stattdessen etwas unternehmen, um deine Kraftreserven wieder aufzubauen. In diesem Fall hindert der Kaffee dich nur daran, in Kontakt zu deiner Müdigkeit zu kommen, was dich daran hindert, das Problem nachhaltig anzugehen.

Und noch etwas ist problematisch beim Kaffee, und das gilt selbstverständlich auch für alle anderen Nahrungsmittel, Speisen und Getränke, die Suchtcharakter haben: wer den Kaffee aus Gewohnheit oder aus einem Suchtverhalten heraus trinkt, der übertreibt es damit meist, ohne es zu merken. Gewohnheit und Sucht geben der inneren Stimme keine Chance, sie überschreien sie sozusagen. Wenn wir den Kaffee also so konsumieren würden wie andere Nahrungsmittel auch, nur dann, wenn die innere Stimme uns das suggeriert, dann würde die Anzahl der Tassen wahrscheinlich zu einem recht vernünftigen Häufchen zusammenschrumpfen. Dafür allerdings müssen wir erst die Sucht durchbrechen und unsere Gewohnheiten hinterfragen. Keine leichte Aufgabe, aber immer ein Riesengewinn für die Gesundheit.

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