Der Knoblauch

Der Knoblauch ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie sehr die Grenzen zwischen Küche und Apotheke verschwimmen können. Die Knolle ist in den Küchen der Welt ebenso daheim wie in den drei großen traditionellen Medizinsystemen, der Traditionellen Europäischen Medizin, der Traditionellen Chinesischen Medizin und dem Ayurveda.

Knoblauch gehört zusammen mit Zwiebel, Lauch, Schnittlauch und Bärlauch zur Gattung der Lauchgewächse. Die Mitglieder dieser Pflanzenfamilie zeichnen sich in der Klassifikation der TCM durch sehr ähnliche Wirkungen auf unser inneres Gleichgewicht aus. Was sie alle vereint sind im Großen und Ganzen drei Eigenschaften:  sie wärmen, sie sind scharf und wirken daher zerstreuend und sie lösen Schleim (tan). Für die gesamte Lauchfamilie gilt außerdem, dass diese Wirkungen im rohen Zustand sehr viel stärker ausgeprägt sind, während das Kochen sie abschwächt.

Die thermische Wirkung des Knoblauchs ist also im rohen Zustand beinahe heiß, während er gekocht nur mehr warm ist. Roher Knoblauch ist unter den in der Küche verwendeten Laucharten eine der am stärksten wärmenden. Aus biochemischer Sicht können wir diese Eigenschaft wenigstens zum Teil an den schwefelhaltigen Substanzen festmachen, die ihm auch seinen charakteristischen Geruch geben, oder besser seinen Duft oder Gestank, denn da scheiden sich die Geister. Aus der Sicht der Chinesischen Medizin ergeben sich aus der wärmenden Wirkung die Empfehlungen bei innerer oder äußerer Kälte, ersteres zum Beispiel bei durch Kälte bedingten oder von Kälteempfindungen begleiteten Verdauungsstörungen, letzteres bei einer beginnenden Erkältung, wenn Wind-Kälte über die Körperoberfläche eindringt. In beiden Fällen wirkt der Knoblauch nicht allein durch die wärmende Natur, sondern gleichzeitig auch durch seine Fähigkeit, das Qi zu bewegen und das Schwitzen anzuregen.

Aus der stark wärmenden Natur ergeben sich auch die wichtigsten Kontraindikationen für den Knoblauch, vor allem im rohen Zustand. So ist er bei jeder Form von Hitze oder Feuer zu vermeiden, auch dann, wenn die Hitze sich aus einem Yin-Mangel ergibt. Ein roter Kopf, Durst, rote Hautausschläge, Schlafstörungen, Unruhe oder Nachtschweiß sind wichtige Kontraindikationen für den Genuss von Knoblauch. Betreffen Hitze oder Feuer die Funktionskreise Leber und Magen (Augen, Mund und Hals inbegriffen), so gilt die Warnung vor Knoblauch in besonderem Maße, denn hier trifft die wärmende Wirkung besonders stark. Weil der wiederholte Genuss von Knoblauch auch bei Menschen zu Hitze führen kann, die vorher noch keine Anzeichen dafür zeigten, empfiehlt Paul Pitchford der erhitzenden Wirkung von rohem Knoblauch während einer längeren Kur durch die Kombination mit Äpfeln, Weizen- oder Gerstengras (also durch kühlende Nahrungsmittel) die Spitze zu nehmen. In einigen Gegenden Asiens verzichten buddhistische Mönche und ganz allgemein Meditierende auf Knoblauch und Zwiebel, weil diese den Geist zerstreuen und die Begierden anheizen, was wohl ebenfalls mit der yangisierenden Wirkung dieser Knollen zu tun hat.

Auch die zerstreuende Wirkung von Knoblauch geht in gegartem Zustand weitgehend verloren, was man daran merkt, dass der Geschmack die Schärfe verliert und eher süßlich wird. Die bewegende Wirkung von Knoblauch richtet sich vor allem auf das Qi. Er bewegt es nicht nur, er harmonisiert es auch und richtet nach oben rebellierendes Qi wieder nach unten aus, was sowohl bei Übelkeit als auch bei Husten nützlich sein kann, immer dann also, wenn das Magen- und das Lungen-Qi entgegen ihrer physiologischen Wirkrichtung aufsteigen. Über die Bewegung des Qi hat der Knoblauch auch eine Wirkung auf das Blut und auf Nahrungsstagnation, kann also zum Beispiel auch bei kältebedingten Störungen der Menstruation eingesetzt werden oder zur Verbesserung der peripheren Durchblutung.

Letzteres bringt uns zum dritten der anfangs genannten Wirkungsmechanismen der gesamten Lauchfamilie und von Knoblauch im Besonderen: dem Auflösen von Schleim, in Chinesisch tan. Zum einen betrifft diese Wirkung den Schleim, der sich im Funktionskreis Lunge ansammelt und die Atemwege belegt. Dafür ist allerdings die große Schwester des Knoblauchs, die Zwiebel, sehr viel besser geeignet. Der Knoblauch wirkt vielmehr gegen eine andere Form von Schleim, einen „inneren Schleim“ sozusagen. In der Tat summiert die TCM unter dem Begriff tan sehr unterschiedliche pathologische Substanzen und Erscheinungen. Im Fall des Knoblauchs richtet sich die Wirkung gegen erhöhte Blutfette und Cholesterin, „verflüssigt“ das Blut und vermindert so das Risiko für Arteriosklerose. Häufig wird der Knoblauch daher auch zur Senkung des Blutdrucks eingesetzt. Diese Verwendung muss nach der Logik der TCM allerdings etwas genauer hinterfragt werden. Liegt einem Bluthochdruck nämlich eine Leber-Qi-Stagnation oder die Ansammlung von Schleim zu Grunde, so kann der Knoblauch ohne weiteres eingesetzt werden. Gibt es aber starke Anzeichen für ein Übermaß von Yang (Leber-Feuer) oder für durch Yin-Leere bedingte Leere-Hitze, beides häufige Begleiter von Bluthochdruck, so ist der Knoblauch nicht die richtige Wahl und kann die Ungleichgewichte über längere Zeit hinweg sogar noch verstärken.

Soweit die wichtigsten Empfehlungen der TCM. Es gibt noch einige weitere Einsatzgebiete für den Knoblauch, die sich durch seine Klassifizierung nach der TCM allerdings nicht ganz erklären lassen. So wirkt der Knoblauch gegen Pilzinfektionen, Bakterien, freie Radikale, sowie entzündungshemmend. Zusammen mit seiner ausgezeichneten antiparasitären Wirkung ist der Knoblauch demnach ein gutes Mittel, um einen unglücklichen Darm zu schützen oder wieder auf Vordermann zu bringen. Außerdem wird er traditionell eingesetzt, um die giftige Wirkung diverser Heilkräuter oder von unreinen Speisen (zum Beispiel vergammeltem Fleisch) abzufangen. Diese Wirkungen, die nach der TCM als das Ausleiten von Feuchte-Hitze oder das Klären von Hitze beschrieben werden, passen eigentlich nicht zum warm-heißen Knoblauch. Wer sich mit der Chinesischen Medizin beschäftigt, sollte aber unbedingt pragmatisch genug sein, um sich von solchen Widersprüchen nicht verunsichern zu lassen. Die Natur ist eben doch immer um einiges größer als unsere Erklärungsversuche.

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