Die Chinesische Angelikawurzel

Ein Auszug aus meinem Buch „Das Blut nähren“, das in Kürze erscheinen wird.

Danggui – Angelica Sinensis Radix – 当归

  • thermische Wirkung: warm
  • Geschmack: süß, scharf
  • Wirkrichtung: Herz, Leber, Milz
  • Wirkungen: nährt, stärkt und bewegt das Blut, regelt die Menstruation, lindert Schmerz und treibt Kälte aus, befeuchtet den Darm und unterstützt den Stuhlgang
  • täglich maximal 5-15 g

Die chinesische Angelikawurzel ist die Grande Dame unter den TCM-Heilkräutern. Sie spielt in vielen klassischen, sehr beliebten Rezepten eine tragende Rolle (Dangguibuxuetang, Siwutang, Guipitang, Xiaoyaosan) und ihr Duft ist in so mancher chinesischer Kräuterkammer eine der auffallendsten Noten.

Die Angelikawurzel gilt als das Frauenheilkraut und das sagt schon aus, worum es hier geht: fast alles, was diese Wurzel kann, hat irgendwie mit dem Blut zu tun. Dabei vereint dieses Kraut relativ unterschiedliche Wirkungen. Die Angelikawurzel hat einen süßen Geschmack und wird als ein Tonikum beschrieben, in diesem Fall ganz klar ein Blut-Tonikum. Zwar unterstützt dieses Kraut auf dem Umweg über das Blut auch das Qi, doch liegt die Stärke eindeutig beim Blut. Was ebenfalls dem süßen Geschmack zugeschrieben werden kann, ist die Fähigkeit der Angelikawurzel, die Gedärme zu befeuchten und bei einer durch Trockenheit bedingten Verstopfung Abhilfe zu schaffen. Eine solche Trockenheit ist nach der TCM die mögliche Folge eines Blut-Mangels, womit wir wieder bei unserem Thema wären. So stark ist die nährende und – wenigstens was den Darm betrifft – befeuchtende Wirkung der Angelikawurzel, dass als eine Kontraindikation Feuchtigkeit in der Milz mit Durchfall angegeben wird. Für andere Formen von Feuchtigkeit (z.B. Verschleimung der Atemwege oder Übergewicht) ist die Angelikawurzel aber unbedenklich.

Soweit zum süßen Geschmack und der nährenden Wirkung. Als zweiter Geschmack wird in der Klassifizierung der scharfe angegeben, und wenn man an der Wurzel riecht oder sie verkostet, ist es wohl die scharf-aromatische Note, die man zunächst am stärksten wahrnimmt. Die mit diesem Geschmack verbundene bewegende Wirkung betrifft bei der Angelikawurzel wiederum vor allem das Blut. Allerdings weitet sich auch in diesem Fall die Wirkung über das Blut hinweg auf das Qi aus. Wir sehen also, dass in beiden Bereichen (beim Nähren ebenso wie beim Bewegen) die Wirkungen auf dem Umweg über das Blut auch das Qi erreichen. Dies ist wohl ein Grund dafür, dass man sagt, dieses Kraut wirke auf „das Qi im Blut“. Die bewegende Wirkung der Angelikawurzel kann also auch dann hilfreich sein, wenn im Funktionskreis Leber die Muster eines Blut-Mangels mit denen einer Stagnation von Blut oder Qi zusammenfallen, eine sehr häufige Situation.

Eine weitere Begründung für den Spruch vom „Qi im Blut“ ist, dass die Angelikawurzel vor allem die Yang-Aspekte des Blutes stärkt: sie wärmt und dynamisiert. Die wärmende thermische Wirkung ist so stark, dass dieses Kraut eingesetzt werden kann, um Wind-Kälte oder Wind-Kälte-Feuchtigkeit aus der Peripherie des Körpers auszutreiben. In der TCM spricht man in diesen Fällen vom Bi-Syndrom, wir denken dabei vor allem an rheumatische Erkrankungen, aber auch an einen einfachen Hexenschuss. Die wärmende Wirkung kann aber auch zum Problem werden, wenn es Anzeichen für eine Leere-Hitze gibt. Klare Anzeichen für Hitze oder Leere-Hitze sollten immer Anlass dafür sein, mit diesem Kraut sehr vorsichtig umzugehen. Eine Möglichkeit in diesen Situationen ist die Kombination mit kühlenden Nahrungsmitteln, in einer Suppe zum Beispiel mit Karotten und Stangensellerie statt mit Huhn.

Das Haupteinsatzgebiet der Angelikawurzel ist die Regulierung der Menstruation. Sie ist immer dann hilfreich, wenn Blut-Mangel, Blut- und Qi-Stagnation oder Kälte im Spiel sind, also vor allem wenn die Regel zu schwach oder schmerzhaft ist und der Zyklus unregelmäßig oder verlängert. Als Kontraindikationen ergeben sich Situationen mit einer zu starken oder zu langen Monatsblutung und einem eher verkürzten Zyklus. Eingesetzt wird dieses Kraut auch in den Tagen nach einer Geburt, um den Wochenfluss zu unterstützen oder wenn es zu einer Lochienstauung kommt (ganz nebenbei kommt die Wöchnerin durch den Blutaufbau auch rascher zu Kräften). Natürlich kann die Angelikawurzel auch in allen anderen Fällen von Blut-Mangel eingesetzt werden, und selbstverständlich auch von Männern. Bei Blässe, Abgeschlagenheit und Schwindel ist dieses Kraut immer eine gute Wahl. Die Wundheilung und insbesondere das Abheilen von Abszessen sind weitere Indikationen für die Wurzel, die aus der Sicht der TCM ebenfalls mit dem Nähren und Bewegen des Blutes zusammenhängen. Sind gleichzeitig Qi und Blut von einem Mangel betroffen, ist eine Kombination mit einem Qi-Tonikum zu empfehlen, zum Beispiel mit Astragalus wie in der berühmten Rezeptur Dangguibuxuetang.

Aus der Sicht der Biomedizin erklären sich die Wirkungen der chinesischen Angelikawurzel zum Teil durch Phytoöstrogene. Daraus ergibt sich eine Kontraindikation bei östrogenabhängigen Tumoren und während der Schwangerschaft. Letzteres gilt auch aus der Sicht der TCM, denn wie alle Blut bewegenden Heilkräuter gilt dieses als gefährlich während einer Schwangerschaft. Hier sollte es, wenn überhaupt, nur unter Aufsicht von erfahrenen TCM-Ärzten eingesetzt werden. Eine weitere Warnung besteht in Bezug auf die gleichzeitige Einnahme von blutverdünnenden Medikamenten (Antikoagulantia), da sich deren Wirkungen mit denen der Angelikawurzel summieren können.

Nicht zu verwechseln ist die chinesische Angelika Sinensis übrigens mit der in Europa heimischen Angelika Archangelica, auch Engelwurz genannt. Letztere wärmt und bewegt Qi und Blut, kann das Blut aber bei weitem nicht so gut nähren wie ihre chinesische Verwandte. 

Die Angelikawurzel ist in China eine beliebte Zutat in der Küche. Das verdankt sie auch ihrem würzigen Geschmack, der ein wenig an Sellerie erinnert (auch zu diesem gibt es eine entfernte botanische Verwandtschaft). Besonders schmackhaft sind Suppen, in denen man ein nicht zu großes Stück der Wurzel mitkochen lässt. Für das Blut sind es klassischerweise lange gekochte Fleischsuppen, aber auch Gemüsesuppen, Suppen mit Getreide oder Hülsenfrüchten können mit der Wurzel aufgepeppt werden. Wie bei allen Küchenheilkräutern sollte man darauf achten, dass die Kochzeit ausreichend lange ist. Bei Suppen mit einer Kochzeit von weniger als 30 Minuten wird das Kraut gesondert vorgekocht und die Abkochung als Basis für die Suppe verwendet. Dasselbe Prinzip funktioniert sehr gut auch für die Zubereitung von Risotto oder das Kochen von Getreide. Beim Kochen von Getreide mit einer Abkochung aus Angelikawurzel sollte darauf geachtet werden, dass die Kochflüssigkeit vom Getreide ganz aufgenommen wird und nichts weggeschüttet werden muss. Die Kochzeiten für die chinesische Angelikawurzel variieren zwischen 20 und 40 Minuten (je dünner die Wurzel oder je feiner die Scheibchen, desto kürzer), aber auch längere Kochzeiten sind kein Problem.

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