Hitze, Kälte, Yin und Yang

Alle sprechen über das Klima und ich schließe mich an. Ich habe bereits mehrere Artikel zu diesem Thema verfasst, aber ich möchte noch einmal darauf zurückkommen, um von einem Aha-Erlebnis zu erzählen, das ich vorigen Sommer hatte.

Zunächst aber muss ich etwas weiter ausholen. Wenn es in der chinesischen Medizin um das Klima und die Jahreszeiten geht, kommt man am Inneren Klassiker des gelben Kaisers nicht vorbei. Dieses Werk mit dem chinesischen Namen Huangdi Neijing stellt bis heute die Grundlage der Traditionellen Chinesischen Medizin dar, die „Bibel“ sozusagen. In den ersten Kapiteln des Inneren Klassikers geht es eben um die Jahreszeiten und darum, wie man sich am besten mit den Jahreszeiten in Einklang bringt. Die Botschaft ist ganz eindeutig und durch und durch daoistisch: der Mensch soll sein Leben so natürlich wie möglich führen und so wenig wie möglich in die natürlichen Abläufe eingreifen. Er soll also im Winter frieren und im Sommer schwitzen. Heizung und Klimaanlage wären nach dieser Ansicht ein widernatürlicher Eingriff in den natürlichen Ablauf der Jahreszeiten und deshalb Ursache für Störungen und in der Folge Erkrankungen. Das ideale Leben im Winter gleicht also im Prinzip einer Art Winterschlaf: viel Ruhe, viel Schlaf, wenig Anstrengung, kaum körperliche Bewegung, kein Schwitzen, das Qi sammelt sich im Körperinneren und wird vom Funktionskreis Niere bewahrt. Das Leben im Sommer hingegen ist so ziemlich das Gegenteil: man verbringt viel Zeit wach, im Freien, man schwitzt und ist körperlich aktiv, das Qi breitet sich aus und strömten an die Körperoberfläche.

Der Winter steht für das Yin, also sollte auch unser Alltag stärker yin werden: dunkel, ruhig, verschlossen. Tatsächlich reagiert unser Organismus auf äußere Kälte indem er sein inneres Gleichgewicht in Richtung Yin verschiebt. Qi und Blut ziehen sich ins Körperinnere zurück, der Puls und alle anderen aktiven Prozesse verlangsamen sich. Genau das Gegenteil passiert bei Wärme oder Hitze; sie bringen das Qi in die Peripherie des Körpers und beschleunigen alle aktiven Prozesse. Auf diese Weise spiegeln das innere Gleichgewicht und der Alltag das äußere, kosmische Gleichgewicht wider. Das ist das Ideal der Daoisten: ein einfaches Leben in Einklang mit der Natur, fast so, als wären die Menschen den Tieren noch sehr ähnlich. Wenn wir bedenken, dass dieser Text aus dem ersten Jahrtausend v. Chr. stammt, so wird uns klar, dass die Menschen damals in der Tat keine Alternative zu dieser Art des Lebens hatten. Aber heute? Können und wollen wir Winter und Sommer heute noch so verbringen?

Nun, wir können uns heute sehr viel besser vor Kälte und Hitze schützen, und wir wären schön blöd, wenn wir ganz darauf verzichteten. Trotzdem bin ich absolut davon überzeugt, dass es für die Gesundheit ein großer Vorteil ist, zu allen Jahreszeiten mit den äußeren klimatischen Einflüssen ausreichend lange und intensiv in Kontakt zu kommen. Besonders die Kälte im Winter und die Hitze im Sommer haben eine kräftigende, tonisierende Wirkung auf das innere Gleichgewicht, und hier vor allem auf Yin und Yang. So stärkt die Kälte – sofern sie zur richtigen Jahreszeit kommt und nicht übermäßig auftritt – ganz eindeutig das Yang. Das wird gerade in diesen Monaten deutlich, wenn die Temperaturen von Tag zu Tag sinken. Wer jetzt der Kälte standhält, sich ihr aussetzt und sich nicht vor ihr verkriecht, der hat später in den ganz kalten Monaten sehr viel weniger Schwierigkeiten damit, die Kälte auszuhalten. Das hat natürlich mit Abhärtung zu tun, und die Abhärtung ist für alle Völker, die in kalten Gegenden wohnen, seit jeher extrem wichtig. Auch in der chinesischen Medizin wird deshalb geraten, sich der Kälte auszusetzen, sich selbst und vor allem die eigenen Kinder nicht zu warm anzuziehen. So weit so gut, dieser Zusammenhang war mir immer schon klar. Und dann hatte ich dieses Aha-Erlebnis. Es war ein heißer Sommertag und ich war im Zug unterwegs durch die Po-Ebene. Die Klimaanlage im Zug funktionierte nicht, aber im modernen Großraumwagon konnte man keine Fenster öffnen. Wir alle, die wir im Wagon saßen, hatten schwer zu kämpfen. Die einen fächerten sich Luft zu, die anderen schütteten sich Wasser über Gesicht und Arme, wieder andere entblößten sich bis knapp an die Schmerzgrenze. Und dann saßen da mitten unter uns zwei Afrikaner. Und ich meine nicht einfach Farbige, sondern wirklich Afrikaner, die noch nicht lange in Europa gelebt hatten. Sie hatten als Einzige im ganzen Wagon Baumwolljacken an und lange Hosen. Und sie saßen vollkommen entspannt da, cool, während alle rundherum zappelten und vibrierten. Man konnte geradezu sehen, dass ihr Puls um einiges langsamer ging, als der ihrer Sitznachbarn. In all der Hitze schaffte ihr Körper es, sein Yin durchzusetzen und beizubehalten: die Ruhe, die Zentrierung. Sie waren eben auch abgehärtet, auf ihre Art. Eigentlich ganz logisch, aber ich brauchte wie so oft ein Aha-Erlebnis, um das zu begreifen.

Der Einfluss der äußeren klimatischen Faktoren auf das innere Gleichgewicht ist also zusammenfassend wie so vieles in der Traditionellen Chinesischen Medizin mehrschichtig. Wenn Kälte auf den Körper einwirkt, verschiebt sie zunächst einmal das innere Gleichgewicht in Richtung Yin. Ist die Kälte zu stark oder hält sie zu lange an, so besiegt sie irgendwann das körpereigene Yang und kann in der Folge in den Körper eindringen: man erkrankt. Wer aber ständig, immer wieder der Kälte ausgesetzt ist, der kann sich abhärten dagegen, und stärkt so sein Yang. Und genau dasselbe, nur andersherum, gilt natürlich auch für doe Hitze und das Yin .

Und die Moral von der Geschicht?  Verkriech dich nicht! Gerade jetzt, an den ersten wirklich kalten Tagen, geh raus und heiße den Winter willkommen!

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