Sport nach der TCM

Ist Sport denn gesund? Ja, natürlich! muss die Antwort heißen. Dennoch gibt es nach der TCM auch Vorbehalte und in einer so sportversessenen und leistungshungrigen Welt wie der unseren ist es wichtig, gerade auch diese Schattenseiten auszuleuchten.

Zunächst die unumstrittenen positiven Wirkungen von körperlicher Bewegung auf die Gesundheit.

Das Leber-Qi befreien

Bewegung bewegt das Qi und befreit stagnierendes Leber-Qi. Während wir uns bewegen, strömt das Qi in die Gliedmaßen und an die Körperoberfläche, die Poren öffnen sich und wir beginnen leicht zu schwitzen. Dass die Körperoberfläche von Qi durchströmt wird, ist allerdings nicht der zentrale Aspekt für die Gesundheit. Wenn das Qi frei durch alle Meridiane des Körpers fließt, so werden vielmehr nicht nur Haut und Muskeln an Rumpf, Armen und Beinen mit Blut und Qi versorgt, sondern auch alle inneren Organe. Herz, Magen, Leber…, durch die Dynamik in unserem Bewegungsapparat bringen wir neues Leben auch in die inneren, schwer erreichbaren Teile unseres Körpers.  Dadurch verbessert sich die Funktionalität jedes einzelnen Organes und  – ein nach der TCM noch wichtigerer Aspekt – durch die Beseitigung von Leber-Qi-Stagnation auch deren harmonisches Zusammenspiel. Wie wichtig eine freie Zirkulation von Qi und Blut für die Gesundheit ist, kann schwer überschätzt werden. Ma Hong, ein großartiger chinesischer Taiji-Meister, hat auf meine Frage, wie man es anstellen solle, so lange jung zu bleiben wie er, nur gemeint: 每天出汗。Zu Deutsch: man solle jeden Tag schwitzen.

Auch die emotionale Ausgeglichenheit hängt mit dem freien Fluss des Qi zusammen; daher die allseits bekannte stimmungsaufhellende Wirkung von sportlicher Betätigung. Gerade negative Emotionen, welche mit dem Funktionskreis Leber zusammenhängen, wie Frust, Ärger, Launenhaftigkeit, Depressivität oder emotionale Anspannung lassen sich durch Sport sehr gut bekämpfen. Der Mechanismus läuft nach der TCM auch hier über eine Befreiung des Leber-Qis und eine Beruhigung des Leber-Yangs. Der Funktionskreises Leber herrscht über die Sehnen, weshalb Dehnungsübungen und Bewegungsabläufe, die möglichst die gesamte Bewegungsreichweite von Sehnen und Gelenken ausnützen, in diesem Falle besonders sinnvoll sind. Beispiele dafür sind Tanz, Kunstturnen oder Yoga.

Yang-Überschuss abbauen

Kinder und Jugendliche haben – sofern sie gesund sind – einen mehr oder weniger starken natürlichen Bewegungsdrang. Das kommt daher, dass ihr Leber-Yang besonders voll ist. Körperliche Bewegung hat die wichtige Funktion, dieses überschüssige Yang „abzufackeln“. Kinder sollten sich dafür möglichst an der frischen Luft und frei von übermäßiger Bevormundung durch Erwachsene bewegen können. Der Funktionskreis Leber liebt es, sich frei zu entfalten, und fürchtet jede Art der Einschränkung. Toben, freies Spielen mit Freunden, Klettern oder lockere Mannschaftsspiele, bei denen nach Lust und Laune geschrien, gejubelt und geflucht werden darf, das alles ist eine Wohltat für die Leber. Fehlen diese Freiräume und kann ein Kind sein Yang nicht loswerden, so kommt es leicht zu einem Überhandnehmen des Yang und damit zu Unruhe, Schlafstörungen, Hyperaktivität oder impulsivem, aggressivem und regelwidrigem Verhalten.

Auch bei jungen Erwachsenen ist der Bewegungsdrang eine gute Möglichkeit um Energien abzuleiten, welche in schulischen, beruflichen oder sexuellen Belangen nicht richtig „fließen“ können.

Stärkung für die Milz

Bewegung tut dem gesamten Körper gut, insbesondere aber stärkt sie den Funktionskreis Milz. Dieser hängt nach der TCM mit dem „Fleisch“ zusammen. Eine gesunde Milz spiegelt sich in festen und gut ausgebildeten Muskeln wieder und in kräftigen Extremitäten.  Bei einer Milzschwäche – gleichgültig in welchen Bereichen – kann deshalb regelmäßige Bewegung sehr guttun. Nach der TCM wäre in diesem Fall eine gleichmäßige, rhythmische und entspannte Art der Bewegung besonders sinnvoll, also zum Beispiel Ausdauersportarten wie Gehen, Laufen oder Radfahren.

Sport zur Gewichtskontrolle

In der biomedizinischen Sichtweise wird der Nutzen von Sport für die Gewichtskontrolle oder Gewichtsreduktion meist damit begründet, dass dabei der Energieverbrauch ansteigt. Aus der Sicht der TCM ist dies bei einer einigermaßen vernünftigen Ernährung allerdings ein eher vernachlässigbares Argument, denn bei einem größeren Energieverbrauch passt sich normalerweise auch die Aufnahme von Kalorien dem gesteigerten Bedarf an.

Für die positive Wirkung von Sport im Zusammenhang mit Übergewicht sprechen vielmehr zwei andere starke Argumente. Zum ersten unterstützt und tonisiert jede Art von körperlicher Aktivität langfristig das Yang. Dadurch wird der Organismus insgesamt aktiver, wärmer und alle aktiven Prozesse laufen schneller ab. In der biomedizinischen Sichtweise entspricht dies einer Steigerung des Stoffwechselgrundumsatzes, der für eine nachhaltige Gewichtsreduktion von zentraler Bedeutung ist.

Zum zweiten spielt der freie und harmonische Fluss von Qi auch für das Körpergewicht eine große Rolle. Übergewicht entsteht nach der TCM durch Ansammlungen von Feuchtigkeit und Schleim (tan), und diese vor allem durch eine unvollständige Transformation der Nahrungsmittel durch die Milz. Bei der Entstehung von Feuchtigkeit und Schleim können eine ungünstige Ernährung, eine übermäßige Nahrungsmenge, eine geschwächte Milz und eine Stagnation des Qi zusammenwirken. Nach der TCM ist also einerseits durchaus nicht ausschließlich ein zu viel an Kalorien der Grund für Übergewicht und andererseits kann eine Verbesserung der Umwandlungsfunktion der Milz – zum Beispiel in Folge von körperlicher Bewegung – dieses Problem unabhängig von der Menge der zugeführten Kalorien verbessern. In anderen Worten: der Punkt, an dem eine Gewichtskontrolle ansetzen sollte, ist die Umwandlungsfunktion der Milz. Die Ernährung selbst ist nur insofern wichtig, wie sie diese Umwandlungsfunktion durch ungeeignete Wahl der Nahrungsmittel oder eine überhöhte Nahrungsmenge beeinträchtigt.

Und nun zu den problematischeren Aspekten von Sport nach der TCM.

Verbrauch von Ressourcen

Sport verbraucht Qi und Blut. Das verbrauchte Qi wieder aufzubauen ist kein großes Problem. Die moderne Ernährung bietet mit ihren vielen einfachen Kohlenhydraten viele Quellen für –allzu! – schnell verfügbares Qi. Das Problem sind viel eher das Blut und die Körpersäfte, welche bei weitem nicht so leicht wieder aufgefüllt werden können wie das Qi. Blut (Achtung: die TCM meint hier nicht die rote Flüssigkeit in Adern und Venen, sondern vielfältige Funktionen des Nährens und Befeuchtens) wird durch die Muskelaktivität selbst verbraucht, Körperflüssigkeiten vor allem durch das Schwitzen. Der Schweiß als Körperflüssigkeit hängt eng mit dem Blut des Funktionskreises Herz zusammen, weshalb bei starkem Schwitzen auch das Herzblut in Mitleidenschaft gerät. Insbesondere Mangelzustände des Blutes sind bei sportlichen Menschen sehr häufig, vor allem ab dem 35.-40. Lebensjahr, bei Mädchen und Frauen im fruchtbaren Alter oder bei Vegetariern und Veganern. Unmittelbare Folgen von Blutmangel sind Krämpfe und eine erhöhte Verletzungsgefahr der Sehnen und Bänder. Nach der TCM können aber auch eine Verschlechterung der Sicht, Kopfschmerzen, Unruhe oder Schlafstörungen, sowie eine unregelmäßige oder ausbleibende Menstruation und damit Probleme im Bereich der weiblichen Fruchtbarkeit auftreten.

Man sollte aus der Sicht der TCM deshalb als sportlich aktiver Mensch sehr auf eine Blut und Säfte nährende Ernährung achten und es vor allem mit dem Schwitzen nicht übertreiben. Um allzu starkes Schwitzen einzudämmen kann zum Beispiel eine Weizen- oder Haferabkochung mit Apfel- oder Zitronensaft getrunken werden und auch Salbeitee wirkt leicht schweißhemmend.

Nicht während der Yin-Phasen

Körperliche Bewegung ist Yang und gehört deshalb im Ablauf von Jahr und Tag in die Yang-Phasen. In der Praxis ist vor allem das Einhalten eines natürlichen Tages- und Nachtrhythmus sehr wichtig für die Gesundheit.  Morgens kann mit sanfter Bewegung begonnen werden und alle Stunden bis zum frühen Nachmittag sind ideal für körperliche Aktivitäten. Ab den Abendstunden dann sollten wir dem Organismus  erlauben, sein Yang langsam herunterzufahren und in das Yin einzutauchen. Dabei ist jede Art von anstrengender Bewegung extrem hinderlich. Folge von wiederholten nächtlichen Kraftanstrengungen kann eine Störung im Yin-Yang-Gleichgewicht sein mit Symptomen wie innerer Unruhe, Schlafstörungen, Nachtschweiß oder Bluthochdruck.

Auch im Winter, der Yin-Phase unter den Jahreszeiten, sollte nicht zu viel gesportelt werden. Schon im Klassiker des Gelben Kaisers, dem Huangdi Neijing, steht, man solle im Winter, der Zeit des Speicherns, nicht zu aktiv sein und nicht zu viel schwitzen, um den Funktionskreis Niere nicht zu verletzen. Wer im Winter zu aktiv war, dem fehlen im Frühling die Kräfte, um richtig durchzustarten: Schlappheit, Frühjahrsmüdigkeit und erhöhte Krankheitsanfälligkeit können die Folge sein. Als moderne Menschen können wir natürlich nicht den ganzen Winter in der Höhle liegen. Ein Kompromiss könnte deshalb lauten: schlaf im Winter mehr, sei nur bei Tageslicht körperlich aktiv und auch dann nur ohne es zu übertreiben.

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