Die Angst

Emotionen in der TCM – Teil 1

Emotionen zählen in der Chinesischen Medizin zu den zentralen Ursachen für Ungleichgewichte und Krankheiten. Doch auch wenn die TCM die Emotionen meist in Zusammenhang mit Krankheiten bringt, sind sie natürlich nicht prinzipiell „ungesund“. Ein sehr anschauliches Bild vergleicht die Emotionen mit dem Wind, der durch einen Bambushain streicht: „gesund“ ist der Wind, solange er die Pflanzen kurz bewegt, diese sich nachher aber wieder aufrichten können. Ein „ungesunder“ Wind aber bläst entweder zu stark, zu lange oder zu einseitig und reißt die Pflanzen um oder bringt sie dazu, schief zu wachsen.

Bewegungen des Qi

Emotionen werden nach der Chinesischen Medizin am besten als Bewegungen des Qi beschrieben. Jede der fünf Grundemotionen – Angst, Wut, Freude, Sorge und Trauer- wird charakterisiert durch eine bestimmte innere Dynamik. Diese Dynamik kann für das innere Gleichgewicht hilfreich oder störend sein, ganz nach Situation, Dauer und Intensität.

Wie bewegt die Angst das Qi? Stellen wir uns vor, wir stünden plötzlich einer Gefahr gegenüber. Was passiert? Eine der charakteristischen Reaktionen ist es, sich zu ducken oder jedenfalls, den Schwerpunkt nach unten zu bringen in die Beine, um schnell weglaufen zu können. Es ist nicht schwer nachzuvollziehen: die Angst lenkt das Qi nach unten. Die gesundheitlichen Störungen, die von übermäßiger Angst verursacht werden können, haben zum Großteil mit dieser Abwärtsbewegung zu tun und betreffen darüber hinaus den Funktionskreis Niere, welcher nach der Theorie der 5 Wandlungsphasen mit der Angst korrespondiert. Das Qi der Niere hat eine aufsteigende und konsolidierende Natur, daher ist es energetisch leicht nachzuvollziehen, dass starke oder zu lange anhaltende Abwärtsbewegungen dieses Qi schwächen können. Da kann zum Beispiel die Fähigkeit des Nieren-Qi, die unteren Öffnungen zu kontrollieren, beeinträchtigt werden, und es kommt zu Inkontinenz oder Bettnässen. Oder die Fähigkeit der Niere den Körper aufrecht zu halten ist betroffen und es zeigen sich Symptome wie Schwäche oder Schmerzen an Knien und Lendenbereich (so auch das Knieschlottern bei akuter Gefahr). Steigt das Nieren-Qi in Folge der Angst zu wenig stark nach oben, so können Schwindel oder gar eine Ohnmacht die Folge sein. Ohrensausen und Hörsturz betreffen die Körperöffnung des Funktionskreises Niere, das Ohr. Auch das rasche Ergrauen der Haare oder das sprunghafte Altern nach einem Schrecken gehören in der TCM als Symptome in den Bereich der Niere.

Angst als Symptom

Wie bei allen fünf Grundemotionen kennt auch das Verhältnis der Angst zu Gesundheit und Krankheit viele unterschiedliche Aspekte. Angst kann sowohl Ursache von Ungleichgewichten oder Störungen sein, als auch deren Symptom. Übermäßige Angst schwächt die Niere, während sich eine schwache Niere andererseits auch in Angst oder einer ängstlichen Grundstimmung manifestieren kann. Charakteristisch ist in diesem Fall, dass die Angst keinen realen Auslöser hat, bzw. als Reaktion auf einen Auslöser unangemessen stark und lange anhaltend ausfällt. Solche Emotionen, die ohne wirklichen Grund auftreten oder sich festsetzen sind nach der TCM immer Anzeichen für eine Störung im jeweiligen Funktionskreis. Beobachten kann man eine solche Zunahme der Ängste oder das Auftauchen einer ängstlichen Grundstimmung durch eine Schwächung der Nierenenergie zum Beispiel bei älteren Menschen oder in der Zeit kurz nach einer Geburt.

Auf der Hut sein

Doch Emotionen sind wie schon gesagt nicht nur Ursache für Krankheiten, sie gehören auch unbedingt in ein gesundes, ausgeglichenes Leben. So ist krankmachende, überschießende Angst nur das eine Ende eines Spektrums, an dessen anderem Ende eine emotionale Fähigkeit steht, die wir alle zum Überleben brauchen: das Auf-der-Hut-Sein. Auch in diesem Fall gibt es eine Abwärtsbewegung des Qi, hier allerdings hat sie den Sinn uns zu sammeln, zu zentrieren. Genauer gesagt sammeln wir unsere Kraft, das Qi, in einem energetischen Zentrum knapp unter dem Nabel, dem sogenannten Dantian.  Auch von außen wird dieses Absinken sichtbar: wer auf der Hut ist, verlagert seinen Schwerpunkt instinktiv nach unten und duckt sich, um sprungbereit zu sein, bereit zu kämpfen oder zu fliehen.

Nach der Theorie der TCM wirkt diese gemäßigte Abwärtsbewegung des Auf-der-Hut-Seins ebenso positiv und stärkend auf den Funktionskreis Niere, wie die übermäßige Angst sich negativ auf ihn auswirkt. In der TCM sagt man deshalb, kleine Mutproben stärken die Niere. Um dies zu unterlegen brauchen wir nicht erst auf die Konfrontationstherapie bei Ängsten zurückgreifen, die genau nach diesem Prinzip vorgeht. Jeder weiß aus eigener Lebenserfahrung, wie stark es uns macht, Herausforderungen zu meistern und wie sehr ein verwöhntes, verzärteltes Dasein Durchsetzungsvermögen und Kampfgeist (beides Ausdruck einer gesunden Nierenenergie) schwächt. Ein gutes Beispiel für die positive Wirkung des Auf-der-Hut-Seins sind Reisen. Gemeint sind echte Reisen, keine durchorganisierten Ausflüge. Wer unterwegs ist, ist meist mehr oder weniger auf der Hut, zentriert, sozusagen ganz bei sich und stärkt so seine Nierenenergie.

Angst und Lebensalter

Das System der 5 Wandlungsphasen bringt jede der fünf Grundemotionen der Chinesischen Medizin in Zusammengang mit einer Wandlungsphase und dadurch auch mit einem bestimmten Lebensalter. Die Angst ist verbunden mit der Wandlungsphase Wasser und – als einzige Ausnahme – mit zwei unterschiedlichen Lebensaltern: dem Anfang und dem Ende. Dass die 9 Monate vor der Geburt in die Wandlungsphase Wasser und damit in das volle Yin gehören, bedarf wohl keiner Erläuterung. Nasser, dunkler und inniger wird unser Leben danach nie wieder. Erst als Greise kehren wir wieder in eine vergleichbare Abgeschiedenheit zurück: die Sinne werden stumpf, der Kontakt nach außen schläft langsam ein und das Leben reduziert sich vornehmlich auf Essen, Schlafen und Warten.

Darüber, was das Ungeborene im Bauch der Mutter bewegt, können wir nur mutmaßen. Doch die Wandlungsphase Wasser dauert auch nach der Geburt einige Monate lange an. Es sind Monate, in denen das Neugeborene meist keine große Neugierde zeigt und lieber fest verpackt und gut versorgt seinen Frieden hat. In dieser Zeit schreien Babys, weil sie sich bedroht fühlen, vom Hunger, von der Kälte, vom Schmerz. Bei diesen Hilfeschreien nicht weich zu werden, ist beinahe unmöglich: man hört ihnen an, dass es für die Neugeborenen immer ums Ganze geht, um ihre Existenz. Erst später, im Laufe des ersten Lebensjahres machen Mütter die Erfahrung, dass sich die Schreie ihres Kindes verändern und fordernder, frecher, manchmal auch anmaßender werden. Dann beginnt so langsam die Wandlungsphase Holz. Die Angst wird abgelöst von der Eroberung der Welt: hier komme ICH! Wie weit lässt du mich gehen?

Aber damit sind wir schon beim Thema für ein nächstes Mal: der Wut, Emotion der Leber und der Wandlungsphase Holz.

Hier eine Übersicht über alle 5 Teile dieser Beitragsreihe
Teil 1 – Die Angst
Teil 2 – Die Wut
Teil 3 – Die Freude
Teil 4 – Das Denken
Teil 5 – Die Traurigkeit

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